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Wisentdame beginnt ein neues Leben in Spanien

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Mischer

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Ralf T. Mischer Redakteur zur Autorenseite

SPRINGE. Nach vier Anläufen steht der Ford Transit endlich richtig, direkt vor dem metallenen Rolltor, das für Deina der Beginn eines neuen Lebens ist. Jetzt muss sie nur noch in den Hänger hinein. Sie hat aber noch ganz andere Pläne. Die Geschichte der Umsiedlung einer jungen Wisentdame.

Manchmal ist ein tiefes, kehliges Brummen aus dem Stall im Wisentgehege zu hören: „Chhhrr, Chrrrrr“. Sonst nichts. Deina genießt die Ruhe. Die einjährige Flachlandwisentdame steht seit drei Tagen in der hölzernen Transitzone des Wildparks – und in wenigen Minuten soll sie abgeholt werden. Das Ziel ihrer Reise: Der Parque de la Prehistoria de Teverga in Spanien. Vorher macht der professionelle Wildtier-Transporteur Joep Van de Vlasakker, ein Niederländer mit runder Brille, Glatze und grauem Spitzbart, mit seiner wertvollen Fracht allerdings im Zoo Duisburg Station. Dort wird Deina in einem Gehege die Nacht verbringen. Anschließend geht es über Frankreich und die Pyrenäen auf die spanische Halbinsel. Soweit der Plan.

„Du fährst bis zu vier Zentimeter an das Rolltor heran“, sagt Wisentgehege-Leiter Thomas Hennig. Van de Vlassaker nickt. Schaut über die Schulter durchs Autofenster. Stößt Zentimeter für Zentimeter zurück. Drei Mitarbeiter des Wisentgeheges geben mit den Händen gestenreich Anweisungen, die an die Sicherheitsunterweisung im Flugzeug erinnern.

 

Wisente kamen noch bis in das frühe Mittelalter in den Urwäldern von West-, Zentral- und Südosteuropa vor. In den 1920er Jahren war die Art akut vom Aussterben bedroht. Dank Zuchtprogrammen, an denen sich das Wisentgehege intensiv beteiligt, kann der Bestand stabilisiert und sogar erhöht werden. Deshalb soll Deina nach Spanien: In der Region Asturien wird eine neue Herde auf einem großen Areal angesiedelt.

Deina will nicht – noch nicht. Vor dem Fütterungshaus, in dem sie untergebracht ist, ihrer Transitzone, hat sich eine Zuschauergruppe postiert. Dabei ist Deina gar nicht zu sehen. Das Sichtfenster ist mit einer Kunststoffplane abgedeckt worden, damit sich die Wisentdame nicht aufregt. Aber die Aktivitäten der zehn Mitarbeiter, Tierpfleger, Amtstierärztin, Wisentgehege-Doktor, sind spannend genug. „Wir möchten, gern, dass sie freiwillig in den Hänger geht – ohne Narkose“, sagt Hennig zur stellvertretenden Amtstierärztin Diana Haake. Sie nickt.

 

Wenn ausgewachsene Tiere transportiert werden, müssen sie vorher in der Regel betäubt werden. Erwachsene Wisente mit ihren über 600 Kilogramm Lebendgewicht bei Bewusstsein in den Hänger zu bugsieren, wäre einfach zu gefährlich. Für Pfleger und für Tiere. Die Variante ohne Narkose ist für die Tiere indes viel angenehmer.

Jetzt könnte man einen Stecknadelkopf fallen hören. Es fällt aber keiner. Hennig steht neben Deina, direkt im Stall, flüstert, schaut sie an. Flüstert: „Es geht nach Spanien, da ist es schön.“ Van de Vlasakker steht vorm Holzbau – und gleitet mit seiner ausgestreckten Handinnenfläche zwei Mal nach rechts. Die Zuschauer sollen sich vom Stall entfernen.

 

Allein in diesem Jahr wurden für Zuchtzwecke sechs Wisente aus Springe zu Wildgehegen in ganz Europa transportiert. Einige Tiere kamen sogar in die Freiheit der echten Wildnis in Rumänien. Andere gelangten in Zuchtgruppen zur Erhaltung der Art in Holland, oder eben Spanien.

 

Nach viel Geduld und diversen Lockmitteln – Van de Vlasakker hat Eichenlaub in den Hänger gelegt, die Pfleger haben dem Tier gut zugeredet, Hennig hat in die Hände geklatscht, nach all dem geschieht zunächst einmal – nichts. Nur der Schwanz der Wisent-Dame pendelt eifrig vor und zurück wie ein dünner Ast im Wind.

Bevor es endgültig losgeht, muss die Amtstierärztin die Impfpässe von Deina überprüfen. Dabei geht’s um die Vermeidung der Verbreitung von Rinderkrankheiten. Deshalb wurde dem Wisent bereits am Montag Blut abgenommen, Dr. Philipp Kloene, der sich um die Tiere in dem Wildpark kümmert, hat einen TBC-Test angesetzt. Keine Infektionen. Alles gut. „Die Tests sollen verhindern, dass sich Infektionen über Ländergrenzen hinweg ausbreiten und ganze Bestände gefährden – natürlich im Wesentlichen bei der landwirtschaftlichen Rinderhaltung“, erläutert Hennig.

Stille. Sogar Van de Vlassaker hat Abstand zum Stall eingenommen. Und nach einer halben Stunde geschieht es dann doch. Zuerst ist es nur ein kleiner Schritt, den Deina nach vorn wagt. Aus ihm wird eine Schrittfolge und schließlich steht sie mitten drin im Hänger.

Das Tiertransporter-Gespann ist rund 200 Kilo schwerer, als Van de Vlassaker die Fahrertür des Ford Transit öffnet und in Richtung Duisburg aufbricht.

 

Deinas Stammbaum: Deina ist etwa ein Jahr alt und ihre Mutter heißt Usura, ihr Vater Powik. Sie lebte gemeinsam mit Sphinx im Gehege, die als ihre Pflegetante agierte. Sphinx ist 18 Jahre alt und kam in die Jugendgruppe, um Ruhe in das Gehege zu bringen. Gemeinsam mit Sphinx und Deina lebt auch Devina auf dem Gelände.

Beide Tiere verabschiedeten sich von Deina, indem sie dem Hänger verdächtig nahe kamen. Die Namensgebung mit De am Namensanfang ist für alle im Wisentgehege geborenen Flachlandwisente im Zuchtbuch vorgesehen. Im Gegensatz dazu beginnen alle Flachland-Kaukasus-Wisente, die in Springe geboren wurden, übrigens mit den Anfangsbuchstanden Sp. Das ist nach den vielen Jahren der Zucht im Wisentgehege Tradition.

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