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Bleibt nur der Tod: Wie ein Tischler, ein Jäger und ein Tierpark-Leiter gegen die Nager-Plage kämpfen

Geschichten von der Waschbär-Front

Auch in Springe, ließ Stadtförster Bernd Gallas vor einigen Wochen per NDZ wissen, könnten Waschbären zur Plage werden. Über so eine Prognose kann Friedrich Beckmann nur lachen. Wer sagt, der Waschbär habe in Deutschland keine natürlichen Feinde, der kennt den 74-jährigen Springer noch nicht. Beckmann und seine Frau wohnen im Westen von Springe, direkt unterhalb des Deisters. Wenige Meter hinter ihrem Haus beginnt der Wald. Und von dort kommen die Waschbären, immer wieder. Sie zerstören Beckmanns Garten, fressen Vogelfutter, töten Jungvögel. Der gelernte Tischler suchte Hilfe, wandte sich vergeblich an Stadt, Naturschutzbund und Jagdpächter. Und half sich schließlich selbst. In seiner Werkstatt baute er nach professionellen Vorlagen eine Kastenfalle.

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Christian Zett Redaktionsleiter zur Autorenseite

Seit dem Frühjahr hat er damit neun Tiere erwischt, sie tappten nachts in den mit Futter präparierten Kasten, der sie per Tretmechanismus lebendig fängt. Doch wohin mit den Nagern? Beckmann überlegte, telefonierte. Und sah am Ende nur noch einen Ausweg: Er heuerte einen Jäger an – der kommt jeweils am nächsten Morgen und erschießt die Waschbären. „Dann verbuddel‘ ich die im Garten“, sagt Beckmann trocken. Zuvor hatte der Rentner im Wisentgehege angefragt. Dort, erinnert er sich, habe man ihm sinngemäß zu verstehen gegeben, „dass sie die Tiere nicht wollen und ich sie töten lassen soll“.

In Springes großem Tierpark zwischen Jagdschloss und Alvesrode sind die Waschbären in zwei Lager geteilt: Es gibt die, die hinter Gittern sitzen. Und die, die erschossen werden. Elf Tiere „haben das Glück“, zum richtigen Zeitpunkt im Wisentgehege aufgetaucht zu sein, sagt Leiter Thomas Hennig ganz nüchtern. Als dort kürzlich die Kleinraubtieranlage entstand, gelangten über verschiedene Wege insgesamt elf Waschbären in den Tierpark – alles Handaufzuchten, die an Menschen gewöhnt sind. Sie sind eine Besucher-Attraktion geworden, oft fotografiert.

Bis zu 40 Tieren im Jahr ergeht es schlechter: Sie kommen aus dem Wald ins Wisentgehege – und werden dort gefangen und erschossen. „Ein riesengroßes Problem“ nennt Hennig die Plage. Er kennt kaum noch Tierhilfe-Einrichtungen im Land, die gestrandete Waschbären aufnehmen. Auch die Anlage im Wisentgehege sei voll. „Mehr wollen wir einfach nicht.“ Auch nicht vorübergehend: „Hinterher nimmt einem die Waschbären keiner mehr ab. Da sind Jäger die einzige Möglichkeit.“

Waschbär-Fänger Beckmann steht inzwischen im Garten vor seiner Falle. Er hat viel Zeit investiert in den Bau. Und der Kasten ist für den 74-Jährigen auch ein Symbol: Bis hierher – und nicht weiter. „Wer garantiert mir, dass die nicht ins Haus gehen?“, fragt der Rentner.

Die Antwort: Niemand garantiert das. Das weiß auch der Mann, der bei Beckmanns im Garten auf die Waschbären schießt und im Wisentgehege Jagd macht auf den Störenfried. Hans-Joachim Borngräber, früherer Leiter des Jägerlehrhofs im Jagdschloss, sieht die Schuld für die Plage auch bei den Springern: „Die Leute verhalten sich total verkehrt. Manche ziehen die Waschbären ja richtig auf.“ Tierfreunde legen Futter raus, kümmern sich um den kleinen Nager – bis die ersten Schäden kommen. „Ein putziger Kerl“ sei das Tier eben: „Darum nehmen viele das nicht richtig ernst.“

Gerade erst hat Borngräber neun Waschbären im Wisentgehege gefangen: „Da sind vorher in nur einer Woche 25 Hühner weg gewesen.“

Immer wieder hört Friedrich Beckmann von Waschbär-Sichtungen mitten in der Innenstadt, von zerfetzten Abfallsäcken. Von Tieren, die Dachziegel hochdrücken, Möbel zerfetzen. Der Rentner stemmt die Hände in die Hüften: „Das hört gar nicht mehr auf.“ Bald spannt er seine hölzerne Falle wieder. Und wartet auf den nächsten ungebetenen Gast aus dem Wald.

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