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So wird in der Handwerksmeisterschule Bredemeier gelernt

SPRINGE. „Jahrelang Abendschule? Das passt in das Leben von jungen Leuten nicht rein“, sagt Albert Bredemeier aus Erfahrung. Genau das aber müssen Gesellen der Handwerksmeisterschule Albert Bredemeier in Kauf nehmen, wenn sie neben ihrem Beruf den Meistertitel anstreben.

Lebenszeit sparen: Im beschaulichen Springe lernen angehende Meister wie die Schweizerin Yolanda Santos und der niedersächsische Mechatroniker Daniel Michaelis alles nötige für die Meisterprüfungsteile drei und vier. FOTO: WEIßLING
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Katharina Weißling Redakteurin zur Autorenseite

Ein Riesenproblem, für das dem Betriebswirt aus Springe 1991 eine Lösung vorschwebte: Vollzeit-Intensivkurse, die Arbeitgebern ebenso vermittelbar sind wie Lebenspartnern und Familien. Der Mindestanspruch: So viel vermitteln, dass es zum Bestehen der jeweiligen Meisterprüfungsteile reicht. Die ersten Gesellen kamen souverän durch. So wurde aus der Notsituation einer handvoll Automechaniker ein Konzept, das heute besser funktioniert denn je.

„Die Gesellen kommen als Privatleute hierher und gehen als Kaufmänner wieder nach Hause“, sagt Inhaber und Dozent Bredemeier selbstbewusst. Aus ganz Deutschland und sogar der Schweiz reisen Teilnehmer an, um mit der beruflich voranzukommen.

„So weit ich weiß, ist das die einzige Schule, die Meisterkurse in so kurzer Zeit anbietet“, begründet Augenoptikerin Yolanda Santos, warum sie nach Springe gekommen ist. Ihre Mitschüler im Kurs sind Maler, Schornsteinfeger, Frisöre und Sanitärfachleute. Der eine hat Familie, der andere eine Stelle mit Verantwortung, für die es nur noch des Meistertitels bedarf. „Ich bin immer froh, wenn die Schule zackig zu Ende geht“ spricht Mechatroniker Daniel Michaelis vielen aus der Seele.

Dass hier Menschen mit völlig unterschiedlichen persönlichen und schulischen Voraussetztungen gemeinsam lernen, ist für Albert Bredemeier Tiel das Erfolgsrezept. Sein persönliches Alleinstellungsmerkmal: „Ich spreche mit denen Handwerkersprache“, sagt der 62-Jährige. „Und zwar so, dass alle die Prüfungsfragen verstehen.“ Das nötige Fachwissen bringen die ehrgeizigen angehenden Meister ohnehin schon mit. Bredemeier und externe Ausbilder lassen in ihrem Unterricht weg, was nur Zeit kostet und konzentrieren sich im Seminar stattdessen auf das, was zählt: die relevanten Prüfungsthemen kurzfristig zu vermitteln. Langfristig geht es dann um die Professionalität, manche Erfahrungswerte und die Glaubwürdigkeit eines Unternehmers, der aus dem Handwerk kommt. „Mails beantworten wir innerhalb eines Tages und wer Fragen an mich hat, kann die auch im Anschluss hier stellen“, sagt Bredemeier. Manche nähmen das in kritischen Momenten ihres Berufslebens durchaus wahr.

Bredemeier selbst kann auch von Rückschlägen bis hin zum Scheitern beruflicher Unternehmungen erzählen. Seit ein paar Jahren konzentriert sich der frühere Auto- und Zweiradhändler ausschließlich auf die Meisterschule. Die lebe von Empfehlungen. Wer es schafft, hier innerhalb von zwei Wochen den kaufmännischen Teil der Meisterprüfung zu lernen, absolviert mit hoher Wahrscheinlichkeit auch den pädagogischen Bereich innerhalb einer Woche. Und wer anschließend erfolgreich im Berufsleben steht, zieht andere nach.

Viele der Anwesenden im Tanzsaal über dem Restaurant „Da Franco“ zum Oberntor 1 kannten schon Teilnehmer, die den strammen Bildungsurlaub in Springe weiterempfahlen. Die Gruppendynamik und die Gemütlichkeit der hübschen Kleinstadt zählen für sie zu den Vorzügen ihrer Zeit in Niedersachsen.

Um die Häuser ziehen und Sightseeing sind aber eher die Ausnahme für die Kursteilnehmer. Trotzdem nehmen Stuttgarter wie der Lackierer Ernst Käfer die Kleinstadt am Deister wohlwollend wahr. „Das ist gemütlicher hier als im Süden“, sagt er. Dass Menschen hier um 8 Uhr noch trödeln und beim Bäcker quatschen – undenkbar im rastlosen Stuttgart.

Bis zu 350 Schüler besuchen die Meisterschule inzwischen jährlich. Die Klassengröße variiert zwischen 25 und 50 Schülern. 85 Prozent von ihnen bestehen die Abschlussprüfungen. „Nur einmal hat sich einer im Nachhinein über den Tanzsaal als Lernort beschwert, weil er durchgefallen ist“, sagt Bredemeier kopfschüttelnd. Er selbst machte auf dem bewährten Parkett weiter und dreht bis heute an anderen Stellschrauben: „Ich stelle mich an den Ausgang der Prüfungsräume und frage jeden, der rauskommt, nach den Teilen, die am meisten Probleme bereitet haben“, sagt der 62-Jährige über ein Erfolgsgeheimnis.

Das Wissen um den Kern der Prüfungen zählt zu den Pfunden, mit denen die Privatschule wuchert. Und: Wer es nicht schafft, darf kostenlos wiederkommen. „Am Ende sage ich den Teilnehmern lieber Lebewohl statt auf Wiedersehen“, schmunzelt Bredemeier.

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