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NDZ-Sommerserie: Das „Haus der Stille“ in Wülfinghausen

WÜLFINGHAUSEN. „Das Tor steht dir offen, das Herz noch viel mehr“, so beschreibt Pastor Gerhard Dierks ein klassisches klösterliches Leitmotiv. Dass es in Wülfinghausen glaubwürdig gelebt wird, ist für ihn ein Grund, warum Menschen aus dem ganzen Bundesgebiet sich hier wohlfühlen, angenommen und wohlwollend begleitet.

Beten, arbeiten und leben im Einklang mit der Natur: Das Kloster Wülfinghausen verlockt Gäste von nah und fern zu wertvoller Zeit mit sich selbst. Foto: Weißling
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Katharina Weißling Redakteurin zur Autorenseite

Es sind Pastoren und Diakone, die hier für ein paar Sabbattage einkehren. Stammgäste, die sich zu klassischen Exerzitien einfinden. Aber auch überzeugte Atheisten oder Menschen, die ganz diffus den Wunsch verspüren, „irgendwas in Spiritualität zu machen“, sagt Dierks. Solche Menschen landen über Google-Stichwortsuchen zunächst auf der Website des Klosters.

Schon sie ist ein verlockender Ort. Wer sich erlaubt, am Bildschirm zu verweilen, ist Bildern blumiger Landschaften ausgesetzt, darf scrollen durch Texte von Menschen, die hier zur Ruhe gekommen sind oder zu neuen Erkenntnissen. Die Institution „Haus der Stille“ zieht Menschen mit kurzen oder langen Gegenentwürfen zur rastlosen Außenwelt an.

„Seit dem 13. Jahrhundert wird hier gesungen und gebetet, das steckt in den Steinen“, beschreibt Dierks einen Teil der Magie des Klosters Wülfinghausen. Klar und puristisch wirken die Räume innerhalb der Mauern, gleichwohl liebevoll gestaltet.

Bis zu 30 Gäste finden hier Platz und zuweilen auch Schutz vor der lärmenden Außenwelt. „Wer sein Zimmer betritt, findet frische Blumen auf dem Tisch und ein bisschen Schokolade“, sagt Dierks. Jeder Raum trägt den Namen einer prägenden kirchlichen Persönlichkeit. Teresa von Avila zum Beispiel, Martin Luther oder auch Dietrich Bonhoeffer. Die Regale sind bestückt mit wenigen ausgewählten Büchern zum Namensgeber. „Wir legen hier geistliche Fährten, denen Menschen folgen können oder auch nicht“, sagt Dierks dazu.

Gäste finden hier nicht nur seelische Begleitung von den Schwestern des Klosters Pastor Gerhard Dierks. Auch auf eine gute Leibsorge legen die Bewohner und Angestellten des Klosters Wert. Ein Beispiel: Die bevorzugt regionale Küche mit besonderen Akzenten aus dem weitläufigen Garten. Salate, Mangold, Kirschen — es sind viele Saaten, die hier aufgehen. Dazu lockt eine unvergleichliche Ruhe. Im Kreuzgang wie im Innenhof darf man sicher sein, nicht angesprochen zu werden und selbst nicht reden zu müssen.

„Diese ehrliche Begegnung mit sich selbst wird als beglückend oder bedrohlich empfunden“, sagt Dierks. Und doch tragen Stille, Schweigen und die Freiheit, unabgelenkt Gedanken aufsteigen zu lassen zur Klärung an wichtigen Wendepunkten im Leben bei. Mal sind die Kinder aus dem Haus, mal geht es um den Berufseinstieg, den Wunsch einer Unternehmensgründung oder sogar um ein Hadern innerhalb der eigenen Glaubensgemeinschaft.

„Ich glaube, die Klosterkammer hat hier bewusst ein Angebot geschaffen, das über die klassische Gemeindezugehörigkeit hinausweist. Kirche wird hier facettenreicher erlebt als andernorts“, fasst Dierks zusammen.

Beten und arbeiten an einem uralten Ort, das gilt hier nach wie vor. Hinzu kommen Angebote, die Gäste von außerhalb mit alten wie neuen Zutaten ansprechen. „Einfach mal ein Pferd riechen und erfahren, was los ist, wenn man die Zügel führt“, nennt Dierks ein Beispiel aus dem Seminarangebot, das er wohlüberlegt erstellt. Gehen die Reiterexerzitien sprichwörtlich nach hinten los, erfährt der Teilnehmer auch viel über seine eigene Klarheit und die Orientierung , die er anderen zu vermitteln vermag.

Gartenexerzitien mit den Händen in den Beeten sind ein zweites Beispiel, Kräuterspaziergänge ein niederschwelliges drittes, bei dem die mehr als 30 Kräuterarten des Gartens modern zu wohlschmeckenden Smoothies interpretiert werden. Leichte Kost versus schwer Verdauliches, Moderne versus Tradition, Anspannung versus Entspannung: Es ist ein reizvolles Spannungsfeld, das das Klosterleben auf kurze oder lange Zeit eröffnet.

Gerhard Dierks selbst joggt manchmal neongelbleuchtend an uralten Graffittis vorbei, wenn er durch verborgene Gänge des Klosters aufbricht in die wunderschöne Landschaft um das Kloster herum.

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