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Friederikenstift-Station: Mit Hilfe zurück in den Beruf

Am Anfang stand eine Idee. Die Idee der Schwestern Caroline Beißner und Anna Wehrmann, dass ihr landwirtschaftlicher Betrieb nach ihrem Tod anderen Menschen mit schwerem Schicksal helfen sollte. Der Grundstein für die Sonderstation des Friederikenstifts in Hachmühlen.

Hightech in der Therapie: Barbara Misera-Haulle arbeitet mit einem Patienten im „Space-Curl“, einem Therapiesystem, das ursprünglich für Astronauten entwickelt wurde.
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Jens Rathmann Redakteur zur Autorenseite

1950 errichtete das christlich geführte Krankenhaus Friederikenstift in Hannover auf Ländereien der Schwestern die erste Einrichtung, die sich darauf konzentrierte, Menschen nach schweren Unfällen die Rückkehr in ihr bisheriges Leben und ihren Beruf zu ermöglichen.

Von Beginn an waren die Berufsgenossenschaften mit im Boot – und an diesem Umstand hat sich bis heute nichts geändert. Als „Zentrum für integrative Rehabilitation“ wird die berufsgenossenschaftliche Sonderstation des Diakovere-Friederikenstifts heute geführt, rund 65 Mitarbeiter kümmern sich um etwa 1000 Patienten im Jahr. Das Gros von ihnen wird direkt nach der Akutbehandlung, zumeist nach schweren Arbeitsunfällen oder Wegeunfällen, aufgenommen. Rund 100 Betten sind belegbar, die Therapiedauer kann ganz unterschiedlich ausfallen und hängt vom Grad der Verletzungen und den notwendigen Therapien ab. Das kann ein dreiwöchiger Aufenthalt sein, bei Schwerstverletzten aber auch mehrere Monate dauern. „Wir begleiten die Menschen auf ihrem Weg zurück in den Beruf und Alltag oder bereiten sie zielgerichtet auf ihr neues Arbeitsumfeld vor“, erklärt Christian Bokelmann, Leiter der Einrichtung.

Und unterschiedlich wie die Unfälle und die Patienten sind auch die Therapieformen, die in Hachmühlen eingesetzt werden. „Grundsätzlich können wir hier alle arbeitsspezifischen Belastungssituationen nachstellen“, sagt Bokelmann. Dabei wird versucht, das Szenario so realistisch wie möglich zu machen. Leiterarbeiten und Über-Kopf-Montagen sind möglich, Pflasterarbeiten werden nachgestellt, Elektroinstallationen imitiert. Der Dachdecker, der vom Dach gestürzt ist, lernt in Hachmühlen, wie er sich wieder angstfrei bewegen und sicher stehen kann – wenn notwendig, sogar auf einem Dachstuhl-Modell. Ärzte und Physiotherapeuten, Masseure, Ergotherapeuten und Sportlehrer, Pflegekräfte und Psychologen und selbst Reha-Berater kümmern sich in enger Verknüpfung um die Patienten. „Der Informationsaustausch zwischen den unterschiedlichen Therapieabteilungen läuft hier im Haus außerordentlich gut“, bestätigt auch Diplomsportlehrerin Barbara Misera-Haulle. Ein Bereich, der großen Stellenwert in der Therapie hat, ist auch die Gehschule, in der Patienten, teilweise nach Amputationen, wieder an einen sicheren Gang und Stand herangeführt werden.

Patienten kommen im Schwerpunkt aus Niedersachsen, aber auch aus dem gesamten norddeutschen Raum, aus Sachsen und Sachsen-Anhalt und dem nördlichen Nordrhein-Westfalen. „Man muss dazu sagen, dass es aber auch nicht so wahnsinnig viele Einrichtungen mit einem entsprechenden Angebot gibt“, erklärt Bokelmann.

Die Behandlung von Verletzungen des Bewegungs- und Stützapparates steht im Zentrum der Therapie in Hachmühlen. Und Patienten werden durchaus gefordert: „Es kann durchaus passieren, das Patienten bis zu zehn Anwendungen pro Tag haben. Das ist durchaus anstrengend“, erklärt Misera-Haulle.

Auf dem Krankenhausareal zwischen Deisterbahnhof und Bundesstraße 442 sind mehrere Gebäude angesiedelt, neben dem Verwaltungstrakt und dem Bettenhaus gibt es ein großes Therapiezentrum mit Schwimmbad und eine Sporthalle. „Die Halle ist für uns ein Stück Luxus, weil wir dort auch Sport außerhalb der Therapie anbieten können“, macht die Sportlehrerin deutlich. Zur Verfügung gestellt wird sie außerhalb der Therapie auch heimischen Sportvereinen, etwa der Behindertensportgemeinschaft. Das Angebot der Therapeuten im Haus wird auch von immer mehr Münderanern ambulant genutzt.

Im vergangenen Jahr sorgte die Sonderstation für Schlagzeilen, weil sie von Diakovere an die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung verkauft werden sollte. Die Verträge waren ausgehandelt und unterschriftsreif, als die DGUV einen Rückzieher machte. Die Station blieb bei Diakovere. Eine Garantie für den Standort ist das nicht, aber Bokelmann kennt gute Gründe, die auch für einen Standort fernab des großen Mutterhauses in Hannover sprechen: „Es ist für viele Unfallverletzte schwierig, täglich mit Rettungswagen und frisch Operierten, mit dem eigenen Erleben konfrontiert zu sein.“ Bei vielen Reha-Patienten komme die besondere Situation im doch beschaulichen Bad Münder gut an, anderen sei in der Stadt „einfach zu wenig los.“

Alle bisherigen Teile der Serie sind im Themendossier auf NDZ.de abrufbar.

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