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Die wechselvolle Geschichte der Heimvolkshochschule

SPRINGE. Den dunkelsten Moment in der Geschichte des ehrwürdigen Hauses, man kann ihn bis heute auf einer Informationstafel im Flur nacherleben. Wie die Nazis an einem Tag im Jahr 1933 in ihren braunen Uniformen und bewaffnet den Ebersberg hinaufmarschierten.

Weiter Blick: Das Gelände der Heimvolkshochschule am Ebersberg. Wo alles begann: Das Haus, in dem der Vorläufer der Schule, ein SAJ-Heim, im Jahr 1925 gegründet wurde. FOTOS: ZETT
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Christian Zett Redaktionsleiter zur Autorenseite

Wie sich die jungen Mitglieder der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) wehren wollten. Und dann doch aufgeben. Das Haus wird enteignet. Aus der sozialdemokratischen Schule wird eine Nazi-Schmiede.

Heute ist nicht nur die Demokratie zurückgekehrt in das frühere SAJ-Heim. Sie wird auch verbreitet in der Republik. Die Heimvolkshochschule Springe bildet hier jedes Jahr tausende Gewerkschaftsmitglieder und Politiker weiter, veranstaltet Tagungen, Seminare und Diskussionsrunden. Im Briefkopf die Adresse voller Symbolkraft: Kurt-Schumacher-Straße, in Erinnerung an den prägenden Sozialdemokraten und ersten bundesdeutschen Oppositionsführer im Bundestag.

Um die Symbolik weiß auch Michael Giffhorn. Er ist Schulleiter der HVHS, steht zusammen mit Tobias Gombert an der Spitze. Giffhorn ist noch nicht lange dabei, seit vergangenem Herbst steht an der Spitze der Einrichtung. Doch er weiß schon um die Geschichte der Schule, um deren Rolle in der Stadt. „Ganz weit außerhalb“ sei das Gebäude nach dessen Bau 1925 gewesen – die Wohnbebauung, die seitdem den Berg hochgekrochen ist, war damals noch nicht da. „Da steckte damals auch diese Idee der abgeschiedenen Lagerfeuerromantik hinter. Tagsüber lernen, abends in der Gruppe zusammensitzen.“

Ein Grundsatz, der bis heute gehalten hat. Und der mit dafür sorgt, dass die HVHS-Besucher ein Stück weit autark sind von der Stadt: Sie lernen auf dem Gelände nicht nur, sie essen und schlafen dort auch, machen Sport oder gehen in die Kneipe, die ein früherer Zivildienstleistender betreibt. Eine Rolle spielt dabei auch die Zeit: Die Seminare etwa für Gewerkschafter dauern nicht mehr eine oder zwei Wochen, sondern wenige Tage: „Die sind dann abends so geschlaucht, dass sie gar nicht mehr in die Stadt wollen“, weiß Giffhorn. Umgekehrt habe er beobachtet, dass viele Springer die Einrichtung nicht kennen – oder mit dem benachbarten Bildungszentrum des Einzelhandels verwechseln. Trotzdem sei man „gut verankert“, sagt Giffhorn: „Auch beim Bürgermeister bin ich auf offene Türen gestoßen“. Eine seiner Ideen ist, Gästen auf Wunsch etwa eine Nachtwächterführung anzubieten, um die Verbindung zu stärken.

Hinter der Springer HVHS steht ein Trägerverein mit SPD- und Gewerkschaftsbeteiligung, dessen Vorsitzender der frühere niedersächsische Umweltminister und SPD-Spitzenkandidat Wolfgang Jüttner ist. Und auch sonst ist die Schule bis heute klar sozialdemokratisch geprägt: Neben Gewerkschaften kommen hier auch regelmäßig Kommunal-, Landes- und Bundespolitiker zusammen, lernen, wie man Wahlkampf macht oder vernetzen sich. Auch Ministerpräsident Stephan Weil ist hier immer wieder zu Gast, Spitzenkandidat Martin Schulz sei zu seinen Brüsseler EU-Zeiten in Springe gewesen. „Wir sind aber nicht an die SPD gebunden“, betont Giffhorn. Auch externe Seminare finden hier statt – dass die CDU schon mal zu Gast war, wüsste der Schulleiter aber nicht.

Und die Zukunft? Diese Woche wird das „Niedersächsische Zentrum für gute digitale Arbeit und Mitbestimmung“ an der HVHS eröffnet. 200 000 Euro gibt das Land dafür – es soll dabei helfen, den digitalen Wandel der Arbeitswelt zu stemmen: Was sind die Bedürfnisse der Beschäftigten? Welche Arbeitszeitmodelle sind denkbar, welche Seminare nötig? „Das ist eine spannende Herausforderung“, sagt Giffhorn. Eine, die sie in Springe gerne angehen.

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