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Polizei findet Wertgegenstände von Rittergut in hannoverscher Wohnung / Angeklagter bestreitet Diebstahl

Wollte der Koch das Inventar versilbern?

Springe (mf). Nach dem Diebstahl einer kostbaren Stradivari-Geige vom Rittergut Bennigsen hat die Polizei in der Wohnung eines ehemaligen Angestellten weitere Wertgegenstände aus dem Schloss entdeckt. Der noch bis zum vergangenen Jahr auf dem Anwesen beschäftigte Koch bestreitet jedoch vehement, die Gegenstände gestohlen zu haben. Vielmehr habe er sie beim Entrümpeln des Dachbodens vor dem Müllcontainer bewahrt.


Der Zufallsfund beschäftigt seit gestern das Amtsgericht. 105 antiquarische Bücher, historische Landkarten sowie Urkunden und Lehensbriefe, die teils aus dem 17. Jahrhundert stammen, hatte die Polizei im Zuge der Ermittlungen in der hannoverschen Wohnung des angeklagten Jan K. entdeckt.

Im Gerichtssaal trafen der 29-jährige Koch, der heute als Küchenleiter in einem Stift arbeitet, und sein alter Arbeitgeber Roderic von Bennigsen erstmals wieder aufeinander. Zwei Welten: Hier von Bennigsen, der seinen Hauptwohnsitz nach eigenen Angaben in der Schweiz hat und in einer dunklen Luxuslimousine mit Graubündener Kantonskennzeichen vorfuhr. Vermögend, weitgereist, Künstler und Mäzen mit besten Verbindungen. Und da der verheiratete Vater von drei kleinen Kindern, in bescheidenen Verhältnissen lebend, mit einem Gehalt von in Gutszeiten gerade 1300 Euro. Ein junger Mann, der aber dennoch erkennbar Wert auf Stil und Etikette legt, einen geschulten Blick für Antiquitäten hat und auch guten Wein zu schätzen weiß.

„Mir war manchmal unheimlich, wie gut sich Jan bei mir im Haus auskannte. Er wusste genau, was sich in jeder einzelnen Schublade befand“, schilderte von Bennigsen im Zeugenstand. Doch obwohl er bei K. nach eigenen Worten frühzeitig „mangelnde Ehrlichkeit als großen Schwachpunkt“ ausgemacht hatte, schenkte der Gutsherr dem 29-Jährigen überraschend viel Vertrauen. „Seine Arbeit hat Jan eben sehr gut gemacht.“

K. begleitete von Bennigsen auf Reisen nach St. Moritz und London oder passte während der Abwesenheit des Schlossherrn daheim auf die pubertierende Tochter auf. „Ich war das Mädchen für alles, habe nicht nur gekocht und mich um Gäste gekümmert, sondern auch Fenster geputzt und Autos gewaschen“, erzählte Jan K. bei seiner Vernehmung.

Die ihm eines Tages angetragene Entrümpelung des Dachbodens übernahm der 29-Jährige nach eigenen Angaben aber nur widerwillig. „Alles war voller Vogelkot und verstaubt.“ Über die genauen Umstände und mögliche Verabredungen machen K. und sein damaliger Arbeitgeber widersprüchliche Angaben.

Umstreitig ist, dass K. etwa hundert alte Bücher aus einem riesigen Gerümpelberg vom Speicher geholt und nach Hause mitgenommen hat. Ob sie andernfalls im Müll gelandet wären oder aber eigentlich hätten umsortiert werden sollen, wie der Hausherr versichert, ließ sich nicht klären. Ebenso wenig, ob K. nicht auch noch heimlich einige Bücher und Mappen aus der Bibliothek mitgehen ließ.

Ungeklärt blieb zudem die Frage, inwieweit die in Ks Wohnung aufgetauchten Silberbestecke aus dem Gut stammen oder es sich auch um eigene Erbstücke handelt, wie K. behauptet. Nur die edlen Flaschenverschlüsse, die man bei ihm fand, seien tatsächlich aus der Gutsküche. Von Bennigsen habe ihm hin und wieder nach einer Feier gestattet, eine angebrochene Flasche Wein mitzunehmen. Die Silberverschlüsse habe er nicht gleich zurückgebracht, so K.

Bestätigt in seinem Verdacht, sein früherer Angestellter habe einen Teil des Schlossinventars unbemerkt zu Geld machen wollen, sieht sich von Bennigsen, nachdem die Polizei in einigen der alten Bücher kleine Zettel mit Euroangaben gefunden hat. Die Beamten sollen nun in einer zweiten Verhandlungsrunde präzise Aussagen zum Zustand der Bände machen. Der Prozess wird am 1. Februar fortgesetzt.

Stradivari-Raub: Staatsanwaltschaft hat Anklage erhoben

Gegen die beiden inhaftierten Tatverdächtigen des Stradivari-Raubes ist jetzt Anklage erhoben worden. Das teilte gestern Staatsanwältin Irene Silinger der Neuen Deister-Zeitung mit.

Die Anklage lautet auf versuchte Hehlerei, da keine stichhaltigen Beweise für eine Beteiligung am Raub der Millionen-Geige aus dem Rittergut Bennigsen ermittelt werden konnten. „Fest steht allerdings, dass sie das Instrument absetzen wollten“, so die Staatsanwältin, sie seien auf frischer Tat ertappt worden. Verhandelt wird der Fall vor dem Amtsgericht Hannover als Schöffengericht.

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