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Wenn Senioren die Welt des Internets erobern / An der Volkshochschule büffeln auch 80-Jährige

„Wofür red‘ ich mir die Mandeln aus den Ohren?“

Von Markus Richter

Springe. „Wofür rede ich mir hier eigentlich die Mandeln aus den Ohren?“, fragt Heinz-Dieter Opitz. Alle lachen. Der Mann ist Lehrer – und jünger als die meisten seiner Schüler. Kein Wunder: Opitz unterrichtet Senioren. An der Volkshochschule in Springe lernen sie den Umgang mit dem Internet, wie sie E-Mails schreiben und lesen oder ihre Bahntickets am Computer drucken können.

„Da jetzt auf Senden klicken“, sagt Dozent Heinz-Die

Von Markus Richter

Springe. „Wofür rede ich mir hier eigentlich die Mandeln aus den Ohren?“, fragt Heinz-Dieter Opitz. Alle lachen. Der Mann ist Lehrer – und jünger als die meisten seiner Schüler. Kein Wunder: Opitz unterrichtet Senioren. An der Volkshochschule in Springe lernen sie den Umgang mit dem Internet, wie sie E-Mails schreiben und lesen oder ihre Bahntickets am Computer drucken können.

Kein einfaches Unterfangen. „Er hat eine Engelsgeduld mit uns“, lobt die 74-jährige Uta Windheim. Ihre Motivation: „Ich will bei diesen modernen Medien einfach nicht abgehängt sein.“ Windheim gehört zu den 0,4 Prozent aller Deutschen, die älter als 70 Jahre sind und sich im Internet auskennen wollen.

Um etwa Fahrkarten zu bestellen, so wie Gisela Schüttler (65). „Gehen Sie jetzt links in den Posteingang“, sagt Opitz plötzlich. „Sie sollten Post vom Nachbarn gekriegt haben.“ Wie in jeder Schule sind einige der Lernenden ein wenig abgelenkt. Ein Plausch mit dem Nachbarn – das gibt‘s eben nicht nur bei Jugendlichen. Alle „Silversurfer“ – so die offizielle Bezeichnung der Schüler in Anlehnung an ihre meist grauen Haare – haben sich eine Mailadresse eingerichtet. Auch Heinrich Arning. Er lugt über den Rand seiner Brille hinweg auf den Bildschirm, tippt mit zwei Fingern ein Wort in die Betreffzeile. Und schafft es zielsicher, die Mail zu versenden.

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Heute ist er der einzige Mann im Kurs. Kein Problem für den rüstigen Bennigser. „Ich glaube, dass Frauen allgemein eher an so etwas interessiert sind. Viele Männer in meinem Alter treffen sich lieber zum Fußballgucken.“ Beim 75-Jährigen hat Cheftrainer Opitz schon etwas erreicht: Er hat Begeisterung geweckt. „Man muss etwas suchen, was einen aufbaut, sonst vereinsamt man im Alter doch immer mehr.“ Spannend findet Arning weniger die virtuelle Welt als solche – er will die echte Welt lieber virtuell entdecken. „Ich mach‘ hier gerne eine Reise in die Türkei“ – am Bildschirm.

Dozent Opitz ist einer, der vom Fach kommt. Jahrelang in einer großen Firma in Hannover für die EDV zuständig war. Und seit 1982 Volkshochschulkurse gibt. Er hat festgestellt: Jüngere Menschen fallen bei der VHS immer mehr weg – ältere werden zur Zielgruppe. „Und immer mehr Senioren wollen mobil sein.“ Eine Tatsache, von der auch die Industrie profitiert: Die Surfer kaufen überdurchschnittlich viel bei Online-Versandhäusern ein. Bis die Springer Gruppe das einigermaßen gefahrenfrei kann, braucht es noch seine Zeit.

Aber der Opitz, der hat ja Geduld. Die braucht er auch bei Magdalena Meier. Mit 80 Jahren ist sie die Omi unter den Omis – und mit ganz viel guter Laune dabei. „Du, schwänzen ist nicht angesagt“, rügt Opitz sie scherzhaft. Dabei müsste Frau Meier, die Völksenerin, eigentlich längst ein Profi am Rechner sein: Zuhause hat sie seit zwölf Jahren einen Computer.

Den bedient allerdings fast immer nur ihr Sohn. Es ist auch nicht ihr erster Kurs: „Ich hab Word gelernt – und jetzt dieses Internet.“ Ihr Ziel: eigenständig einen Brief ausdrucken zu können. Was junge Menschen heute von klein auf beherrschen – oder es glauben zu beherrschen – ist für die Senioren ein mühsamer Weg. „Sie müssen oft die Angst überwinden und hier über die Schwelle treten“, hat der Dozent festgestellt.

Sein Erfolgsgeheimnis: „Wir müssen alles wiederholen, wiederholen und x-mal wiederholen – so lange, bis es sitzt.“

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