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Dietrich zu Klampen über größte Herausforderungen und größte Erfolge seines Verlages

„Wir werden uns nicht kampflos ergeben“

Völksen. Die Verlagswelt ist im Umbruch: In den USA werden die meisten Bücher nicht mehr auf Papier, sondern digital für E-Book-Reader verkauft. Auch Gerichtsurteile und eine geplante Reform des Urheberrechts bereiten Verlegern Kopfzerbrechen. NDZ-Redakteur Ralf T. Mischer hat darüber mit dem Chef des heimischen zu-Klampen-Verlags, Dietrich zu Klampen, gesprochen.

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Alle reden von der Reform des Urheberrechts. Sie auch?

Das Spannendste ist ja, dass es ganz viele Dinge gibt, die durch höchstrichterliche Rechtsprechungen dazu führen, dass es den Autoren und Verlagen an den Kragen geht. Das hat angefangen mit einem irren Urteil des Bundesgerichtshofs. Da hat eine Uni-Bibliothek ein Buch digitalisiert und den Nutzern rechtswidrig erlaubt, das E-Book runterzuladen und kostenfrei mit nach Hause zu nehmen. Da sind die Verlage natürlich Sturm gelaufen. Aber das Gericht hat das Vorgehen der Bibliothek erlaubt. Das ist eine Katastrophe ersten Ranges für uns, weil Bibliotheken unsere Bücher frei verschenken können. Und wo etwas verschenkt wird, können wir nichts mehr verkaufen.

Welche Folgen hätte das für den zu Klampen Verlag?

Kleine Verlage kriegen dadurch ihre Minimalauflage nicht mehr zustande. Vor 25 Jahren konnten wir von jedem unserer guten Bücher allein 300 an Bibliotheken verkaufen. Weil die sie brauchten. Jetzt sind alle Bibliotheken miteinander vernetzt - und wir können nun vielleicht noch drei Bücher an sie verkaufen. Wenn die dann auch noch dafür sorgen, dass das Publikum, das sich für diese Bücher interessiert, auch keine Bücher mehr kauft, dann kann man sich natürlich die Frage stellen, wem wir überhaupt noch unsere Bücher verkaufen sollen. Und dann können wir irgendwann auch keine Bücher mehr machen.

Dramatisieren Sie jetzt nicht ein wenig?

Nein, es kommt ja noch erstaunlicher: Wir stecken unser Geld in die Bücher, die Autoren stecken ihre geistige Kraft da rein und dann kommt das VG-Wort-Urteil, wonach die Kopierpauschale, die alle Hersteller von Kopiergeräten als pauschale Abgeltung der den Autoren und Verlagen entgangenen Einnahmen abführen, nur noch an die Autoren gehen soll. Das ist ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes. Es verbietet die bisherige, gerechte Praxis der Teilung dieser Einnahmen zwischen Autor und Verlag. Wir müssen uns sogar darauf einstellen, ein Hundertstel unseres Jahresumsatzes an die VG Wort zurückzuzahlen. Eine Katastrophe. Wichtige Bücher mit kleiner Auflage werden dadurch zukünftig verhindert.

Und dazu kommt noch die geplante Reform des Urheberrechtsgesetzes?

Richtig. Die sagt, dass es klug sei, wenn die Autoren nur noch höchstens fünf Jahre lang vertraglich an Verlage gebunden sein dürfen. Danach haben die Autoren das Recht, den Vertrag zurückzufordern. Dadurch sind wir vollständig in den Hintern gekniffen, weil wir davon ausgehen, dass Bücher länger laufen. Wie sollen wir sonst noch irgendein Buch machen? Die ganzen Entdeckungen, die wir als kleiner Verlag machen, die Autorenentwicklung, wird dadurch ad absurdum geführt. Wir können dann eigentlich keine vernünftigen Bücher mehr machen.

Minister Maas sagt ja, dass es ihm um den Schutz der Autoren geht.

Dann soll der Herr Minister einfach alles so lassen, wie es ist. Denn wir haben in Deutschland eine ganz ausgezeichnete Rechtspraxis. Die Autoren werden doch prozentual an jedem verkauften Buch beteiligt. Ein erfolgreicher Autor wird reich, ein nicht erfolgreicher Autor wird nicht reich. Es ist alles gut geregelt. Noch hat Deutschland das beste Buchverteilsystem der Welt. Das würde dadurch gekippt, der stationäre Buchhandel hätte es noch schwerer, wenn das Gesetz so verabschiedet würde. Wir werden uns diesen Tendenzen aber nicht kampflos ergeben. Ich bin ja im Börsenverein des Deutschen Buchhandels beim Urheberrechtsausschuss dabei, und wir haben eine Resolution auf den Weg gebracht. Wir feuern aus allen Rohren, das wirkt hoffentlich.

Wie erklären Sie sich das, was da geschieht?

Die Richter und Ministerialen haben offenbar eine falsche Vorstellung davon, wie ein Verlag funktioniert. Die Leute denken immer so gerne, da sitzen Leute mit einer Zigarre im Mund, die schon morgens Champagner trinken und den ganzen Tag nichts tun. Sie meinen, dass die Autoren vor den Verlagen geschützt werden müssten, weil sie nicht erkennen, dass das Wohl des Autors vom Wohl des Verlages abhängt - und umgekehrt. Wir können nur gemeinsam erfolgreich sein. Und das begreifen diese Leute nicht.

Durch das Internet wandelt sich ja gerade so ziemlich alles. Warum sollte sich eigentlich ausgerechnet der Buchmarkt nicht verändern?

Der verändert sich in rasender Geschwindigkeit. Hier handelt es sich ja aber um eine Enteignung! Wenn wir den Kommunismus ausrufen wollen, dann würde ich mir die Sache noch einmal überlegen. Aber tatsächlich ist es ja beinahe so: Wer einen Apfel klaut, kommt ins Gefängnis, wer geistige Inhalte klaut, dem passiert nichts. Das ist doch Quatsch. Der Autor hat ein schützenswertes Werk erarbeitet. Und das muss auch geschützt werden!

Auf Google gibt es doch aber jetzt schon etliche Bücher kostenlos abrufbar?

Ja, aber das sind alles Bücher, bei denen die Rechte frei sind, das ist völlig in Ordnung. Aber wenn das mit lebenden Autoren passiert, habe ich sehr viel dagegen!

Welche Strategien hat ihr Verlag angesichts all dieser Veränderungen?

Das sind zwei Wege: Unser Verlag ist von Anfang an angetreten, um Bücher zu machen, die einen gewissen Gehalt haben. Wir haben den Verlag nicht gegründet, um in möglichst kurzer Zeit zu möglichst viel Geld zu kommen. Dann hätten wir doch lieber in den Waffen- oder Drogenhandel oder gleich in die Prostitution gehen sollen. Das haben wir natürlich nicht gemacht. Wir wollten im Gegenteil gerade solche Bücher machen, die ein wenig gegen den Mainstream gehen. Deshalb sind wir immer extrem vorsichtig gewesen - und wir müssen noch vorsichtiger sein.

Was bedeutet das?

Das heißt, dass wir genau überlegen müssen, ob wir ein Buchprojekt stemmen können: Kriegen wir davon genug verkauft, können wir das machen?

Also weniger Risikobereitschaft?

Ganz genau! Und wir müssen zur Not, wenn wir von einem Buch besonders überzeugt sind, die Autoren bitten, dass sie die Fördertöpfe anzapfen.

Trotz der Widrigkeiten hat es in diesem Jahr eines Ihrer Bücher zum dritten Mal auf die Sachbuchbestenliste von SZ und NDR geschafft. Läuft bei Ihnen?

Verrückterweise sind wir trotz der Krise so erfolgreich wie noch nie. Das gilt auch für die Bestenliste. Wir machen bestimmte Bücher, die wir bewusst auswählen, weil sie einen gewissen Anspruch haben. Sie ist ja ein Kritiker-Ranking und sie hat einen großen Vorteil: sie ist dafür gemacht worden, auch Bücher kleinerer Verlage in den Blick zu nehmen. Die Bücher werden nur nach inhaltlichen Kriterien für die Bestenliste ausgewählt. Es passiert uns relativ häufig, dass wir in dieser Bestenliste landen. Das ist manchmal natürlich auch Glückssache. Aber das wissen wir ja vorher nicht. Wir machen ein Buch, weil wir von ihm überzeugt sind, und freuen uns, wenn die Kritiker auch davon überzeugt sind - und freuen uns noch mehr, wenn auch die kritischen Leser davon überzeugt sind. Das Gute ist: Wenn ein Buch in der Bestenliste landet, kommt es auch sehr oft in die Feuilletons der überregionalen Zeitungen. Das ist sehr erfreulich.

Wann kommt ein Buch von Ihnen in die Spiegel-Bestsellerliste?

Da waren wir ja schon mit einem Titel.

Welcher war das?

Apocalypse no! von Bjørn Lomborg. Das ist aber schon einige Jahre her. Wir waren damit auf Platz 41, glaube ich, aber immerhin waren wir in dieser Liste. Es ist einfach so, dass man so etwas nicht planen kann. Solche Erfolge sind Zufälle. Der Buchmarkt reagiert ganz zufällig, wie die Kugel auf der Roulette-Scheibe. Das hat immerhin den Vorteil – und auch wir hoffen – dass wir irgendwann einen Hauptgewinn landen können.

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