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Von Fußschlaufen, Ölbohrinseln und Visitenkarten: Ein Besuch bei der Firma „Treichel Elektronik“

Wenn der ICE bremst, bremst Eldagsen mit

Eldagsen. Bevor man in die Produktionshallen darf, bekommt man erst mal eine Art Fußfessel, zur Sicherheit. Aber nicht, weil sie einen bei „Treichel Elektronik“ in Eldagsen für einen Schwerverbrecher halten. Nein, das kleine, leichte Kunststoffding verhindert die berüchtigte elek-trische Aufladung des eigenen Körpers über die Schuhsohlen. Eine falsche Berührung könnte so nämlich die Elektronik-Bauteile zerstören, die hier pro Tag zu Tausenden verarbeitet werden.

Renata Wieczorek setzt Steckelemente per Hand auf Bauteile &ndas
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Christian Zett Redaktionsleiter zur Autorenseite

Geschäftsführer Torsten Bethke sitzt in seinem Büro im Eldagsener Industriegebiet. Hinter seinem Fenster beginnen die weiten Wiesen und Felder, nebenan röhren die „Regiobus“-Fahrzeuge vom Betriebshof. Die Wirtschaftskrise, sagt Bethke, sie habe auch Treichel und seine Mitarbeiter nicht verschont. Der Umsatz brach ein – hat sich aber zuletzt wieder erholt. Und: Das Unternehmen hat ein neues Projekt vor der Brust. Gemeinsam mit dem Stromanbieter „Lichtblick“ entwickelt die Volkswagen AG Mini-Blockheizkraftwerke, 100 000 von ihnen sollen in Wohnhäusern eine Energierevolution auslösen, Atomkraft langfristig verzichtbar machen. Die Steuermodule für diese Kraftwerke – sie kommen von Treichel. Momentan ist man in der Versuchsphase – aber schon bald sollen dort die ersten Exemplare vom Band gehen.

Dabei fing dort alles ganz bescheiden an. 1979, das lange selbstständige Eldagsen hatte gerade seine Stadtrechte verloren, gründete Burckhard Treichel eine Firma, die Bildplattengeräte für Arbeitsämter herstellte: „Das kann man sich vorstellen wie einen Vorläufer des heutigen PCs“, erklärt Bethke. 1995 schließlich stieg man ein in die Fertigung von elektronischen Bauteilen. „Wir bieten unseren Kunden alles von der Produktidee bis zur Anlieferung“, erklärt Bethke.

Die Kunden, das sind zahlreiche Unternehmen in ganz Deutschland. 250 Kilometer Umkreis habe man sich einmal als Grenze gesetzt, erzählt Bethke. Trotzdem ist seine Visitenkarte beidseitig bedruckt, Deutsch und Englisch: „Wenn sie mit so vielen weltweit agierenden Firmen zu tun haben, müssen Sie einfach international sein“, sagt er. Unter den Kunden ist auch eine Tochterfirma der Deutschen Bahn. In vielen der pfeilschnellen ICE-Zügen steckt nämlich Technik aus Eldagsen: „Wir fertigen hier die Anfahrsteuerung und das Bremssystem“, sagt Bethke. Einmal pro Woche kommt ein Bahn-Mitarbeiter zur Kontrolle, der Sicherheit wegen. Aber auch jeder Volvo-Truck hat ein Stück Treichel in sich, genau wie viele Landmaschinen, Streufahrzeuge, Ölbohrinseln, Schiffe oder medizinische Geräte.

Treichel-Geschäftsführer Torsten Bethke.
  • Treichel-Geschäftsführer Torsten Bethke.
Diese Schläuche sorgen im ICE für Anfahrt und Bremse.
  • Diese Schläuche sorgen im ICE für Anfahrt und Bremse.
Auch Bauteile für Wasserzähler entstehen in Eldagsen.
  • Auch Bauteile für Wasserzähler entstehen in Eldagsen.

Für Bethke ist diese Vielfalt ein zentraler Punkt der Firmenstrategie: „Wenn wir breit aufgestellt sind, können wir es leichter abfedern, wenn es einer Branche nicht so gut geht.“ Dass es bei Treichel gerade läuft, merkt man, wenn man durch die Produktionshallen geht. Maschinen und Mitarbeiter befestigen elektronische Bauteile aller Größen auf Leiterplatten, überall wird gelötet, geprüft, gestrichen, beschichtet, verpackt und verschickt. Am Fußgelenk trägt jeder der Angestellten eine kleine Kunststoffschlaufe. Sicher ist sicher.

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