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Das Wohnen im Alter ist eine zentrale Frage, die auch Springe beantworten muss

„Weg von den Pflegebunkern“

SPRINGE. Ein Freitag, Punkt 8.30 Uhr in Lüdersen: Ursel Postrach steigt ins Auto – es geht zum Einkaufen nach Bennigsen. Selten fährt sie allein, meistens ist die Ortsbürgermeisterin in Begleitung einiger Seniorinnen. Sie nimmt Dorfbewohner mit, die nicht mehr mobil sind. Mit Rollator oder Rollstuhl sei der Weg mit dem Bus beschwerlich, sagt Postrach: „Ich biete das schon ewig an, bestimmt 25 oder 30 Jahre.“ Die steigende Zahl von Rentnern macht es nötig, dass sich die Nachbarn untereinander helfen. 7280 Menschen über 65 Jahre leben derzeit in Springe. Vor zehn Jahren waren es noch 6888. Damit ist heute ziemlich genau jeder Vierte Springer ein Rentner. In der Region Hannover liegt die Deisterstadt an zweiter Stelle der ältesten Städte. Nur in Laatzen wohnen derzeit durchschnittlich mehr Menschen, die älter als 65 Jahre alt sind.
Bedürfnisse der
Senioren ernst nehmen
Kommunen müssen die Bedürfnisse der Senioren ernst nehmen und eine seniorengerechte Stadt anstreben. Dazu gehört die Notwendigkeit, in Innenstadtgebieten ausreichenden Wohnraum für ältere Menschen bereitzustellen. Das hat auch Helge Vera Ebermann-Habben beobachtet. Sie ist seit vier Jahren die offizielle Seniorenbeauftragte in Springe und spricht regelmäßig über die Anliegen und Bedürfnisse der Älteren. „Sie wohnen Jahrzehnte in ihren Häusern und sind dort einfach zuhause“, weiß sie. Deshalb sei nachvollziehbar, dass Rentner bereit sind, Geld zu investieren – um beispielsweise das Badezimmer seniorengerecht umzubauen oder einen Treppenlift zu installieren.
„Da gibt es zum Glück viele Möglichkeiten, auf die ich dann in meiner Sprechstunde hinweisen kann“, sagt Ebermann-Habben. Da es auch verschiedene Möglichkeiten zur finanziellen Förderung gibt, können sich viele den Umbau leisten. Eine Förderung sei etwa über die Pflegeversicherung möglich. Aber auch zinsgünstige Darlehen seien dafür vorgesehen.
Auch Springes Bürgermeister Christian Springfeld hält diesen Aspekt für wichtig: dass die Menschen so lange wie möglich in ihrem Zuhause bleiben können. Er stehe in Kontakt mit Projektentwicklern, die sich auf den Bereich altengerechtes Wohnen spezialisiert haben. „Sie können sich viele schöne Wohnprojekte in Springe und den Ortsteilen vorstellen.“ Gerade in Eldagsen oder Bennigsen ist die Nachfrage groß. Noch sei aber nichts spruchreif. Springfeld ist froh, dass der Trend weg vom großen „Pflegebunker“ und hin zu offenen Wohnkonzepten – auch generationsübergreifend – gehe.
Ursel Postrach berichtet, dass sich in Lüdersen immer wieder Menschen entscheiden, ihr Haus zu verkaufen – um anderswo eine Wohnung zu nehmen. In Bennigsen etwa ist die Infrastruktur besser. In Lüdersen seien dann in die frei gewordenen Häuser junge Familien eingezogen. Eine schöne Entwicklung, findet die Ortsbürgermeisterin.
Um das Thema Wohnen im Alter kümmert sich bei der Stadt Alexander Huhn. Er kann nicht immer allen Senioren helfen, die in Springe eine erschwingliche Wohnung für ihre Bedürfnisse suchen. „Ich bekomme immer wieder mit, dass Springer nach Nordrhein-Westfalen ziehen, weil die seniorengerechten Wohnungen dort günstiger sind.“ In Springe fehlen seiner Meinung nach noch einige passende Immobilien, die für alle bezahlbar sind.
Neben ausreichend Wohnraum müssen auch genug Einkaufsmöglichkeiten vorhanden sein. Heidemarie Köster aus Völksen, stellvertrende Kreis-Vorsitzende des Sozialverbands Deutschland, sieht hier zum Teil Probleme. „An der Nahversorgung mangelt es vor allem in der Springer Innenstadt und in einigen Dörfern“, sagt Köster. Zur Osttangente komme man ohne Auto nicht so ohne Weiteres. In der Springer Innenstadt sehe es mau aus. Sehr schön sei jedoch, dass sich die Menschen untereinander helfen. Das sei eben der Vorteil eines kleineren Orts.
Mobile Versorger könnten in den richtig kleinen Dörfern eine Option darstellen. Postrach findet diese Möglichkeit für Lüdersen gut. „Der Bäckerwagen, der zwei Mal in der Woche zu uns kommt, wird viel genutzt“, sagt sie.
Auch ein Getränkeservice fahre die Wasserkisten bis zu den Häusern – und dann schleppten die Mitarbeiter diese sogar bis in den Keller. Außerdem komme freitags ein Wagen nach Lüdersen, der frisches Geflügel von einem Bauernhof verkauft.
Ein offenes Ohr für die
Anliegen der Senioren

Mit der aktuellen Ärztesituation sind die Fachleute zufrieden: „Die Internisten sind wirklich kompetent und auch Fachärzte haben wir hier“, meint Heidemarie Köster. Schlimm sei, dass das Krankenhaus weg ist. Gerade in einer Stadt mit vielen alten Menschen sei es doch nötig. Es sei ein „Unding“, dass die Senioren nun „weite Fahrten nach Hameln, Gehrden oder Hannover in Kauf nehmen“ müssten.
Köster, Postrach und Ebermann-Habben haben den Eindruck, dass sich die Senioren in Springe im Großen und Ganzen wohl fühlen. „Die Probleme halten sich in Grenzen“, sagt etwa die Seniorenbeauftragte Ebermann-Habben. Viele besuchten ihre Sprechstunde, um zu reden und um ein offenes Ohr vorzufinden. Viele Probleme würden untereinander geregelt. Auch die Strukturen und der Zusammenhalt in vielen Vereinen sei vorbildlich, meint Postrach. Das sei fast so wichtig wie eine gute Nahversorgung: „Man lebt nicht von Brot allein.“
„Die Voraussetzungen in Springe für ältere Menschen, sind sehr gut“, meint auch Bürgermeister Springfeld. Das liege auch an der guten Anbindung an Bus und Bahn. Auch beim Einzelhandel und der ärztlichen Versorgung stehe seine Stadt statistisch gut da – „auch wenn das subjektive Gefühl manchmal ein anderes ist“. Wichtig für die Zukunft sei, dass die dörflichen Strukturen durch den Zuzug jüngerer Generationen lebendig gehalten werden. „Davon profitieren dann auch die Älteren“, ist er überzeugt.

2 Die Seniorenbeauftragte Helge Vera Ebermann-Habben bietet jeden zweiten Freitag im Monat im Alten Rathaus in Springe von 10 bis 12 Uhr die Seniorensprechstunde an. Dazu sind alle Interessierten eingeladen.

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Autor:

von jennifer minke-beil

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