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Staatssekretärin besucht den Dorfladen Altenhagen, um zu sehen, welche Auswirkungen die Gesetze aus Berlin vor Ort haben

Von einer Kiste Bier und welkem Kohl

Altenhagen. Wenn das Bier zuhause schon übers Mindesthaltbarkeitsdatum ist und Gäste kommen, stellt man die Kiste dann trotzdem auf den Tisch? „Doch. Klar!“, sagt Maria Flachsbarth. Auch wenn sie Bundestagsabgeordnete und parlamentarische Staatssekretärin ist, sei ihr das nicht peinlich: „Meine Freunde gucken eh nicht aufs MHD.“

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VON MARITA SCHEFFLER

Die Christdemokratin steht im kleinen Dorfladen in Altenhagen vor den Holzkörben, in denen Blumenkohl, Eisbergsalat und Zwetschgen liegen. Alles frisch und knackig. Flachsbarth fragt trotzdem nach einem welken Kohl. „Was machen Sie, wenn Ihre Produkte nach ein paar Tagen nicht mehr so gut aussehen?“ Ein Thema, das auch Andreas Baenisch vom Vorstand der Genossenschaft „Dorf-Kultur-Erbe“ bewegt. Es sei unglaublich schwierig, den Appetit der Kunden vorherzusehen.

Mehr als 80 Kilo Lebensmittel wirft jeder Bundesbürger pro Jahr zuhause weg. „Und zwei Drittel davon sind noch gut“, sagt Flachsbarth. Ein Trauerspiel. Die Bundestagsabgeordnete ist gerade auf Sommertour in ihrem Wahlkreis unterwegs. Vor dem Besuch im Dorf-Kultur-Erbe in Altenhagen schaute sie auf einem Biohof vorbei. Der Landwirt habe ihr erzählt, dass er krumme, zu kleine oder zu große Mohrrüben direkt in die Biogasanlage bringe, „weil die sich nicht verkaufen lassen“. Ändern könne das letztlich nur der Verbraucher, indem er nicht gar so wählerisch sei, sich wieder daran erinnere, dass es auch für einen schrumpeligen Apfel noch eine Verwendung gibt, sagt Flachsbarth.

Im Dorfladen sollen offiziell abgelaufene Lebensmittel demnächst mit Rabatt verkauft oder an die ehrenamtlichen Helfer verschenkt werden, kündigt Baenisch an. Der Vorstand arbeite gerade an einem Konzept – ein Jahr nach der Eröffnung des kleinen Dorfladens gebe es jedoch noch zahlreiche Baustellen.

Da sind auch die vielen behördlichen Auflagen. Darf im Café eine Torte verkauft werden, die ein Mitarbeiter zuhause gebacken hat? Welche Angaben müssen auf dem Etikett der selbst gemachten Marmelade stehen? Spätestens bei der Kennzeichnung von Allergenen sei man heillos überfordert, merkt ein Mitglied an.

Auch Flachsbarth schüttelt den Kopf. Genau deshalb seien Besuche wie diese so wertvoll: „Ich will gucken: Was machst du da in Berlin?“ Seit knapp zwei Jahren ist die Christdemokratin als Staatssekretärin im deutschen Landwirtschaftsministerium in Berlin „zuständig für alle Dinge, die mit Tieren und Lebensmitteln zu tun haben“.

Sie glaube gerne, dass die Vorgaben für kleine gewerbliche Anbieter wie den Dorfladen ein echtes Problem seien. Und von einigen Klippen wisse sein Team vermutlich noch gar nichts, merkt Baenisch an. Besser so: Wäre den Ehrenamtlichen vorab klar gewesen, wie viel Arbeit und wie viele Hindernisse vor ihnen liegen, sie hätten das Projekt „Dorf-Kultur-Erbe“ wohl nie gestartet. Unkenntnis kann auch gut sein. So wie bei der leckeren Flasche Bier, deren Mindesthaltbarkeitsdatum man nicht sieht.

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