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Der Internationale Frauentag wird 100: was heimische Führungskräfte und Expertinnen sagen

Vom Wahlrecht zur richtigen Quote

Springe (jemi). Ist er nun sinnvoll oder ist er ein Tropfen auf dem heißen Stein? Der Internationale Frauentag – heute wird er zum 100. Mal gefeiert. Als er 1911 eingeführt wurde, forderten die Frauen, endlich wählen zu dürfen. Bis heute hat sich einiges getan, „aber am Ende der Forderungen sind wir noch lange nicht“, sagt etwa Jutta Krellmann, heimische Bundestagsabgeordnete der Linken: „Wenn man auf die vergangenen 100 Jahre blickt, klingen die Fortschritte zunächst immer gut. Aber vieles ist doch Geschwätz.“ Frauen leiden erheblich unter Niedriglöhnen, meint sie. Die Institution Frauentag findet die Politikerin gut – allerdings wünscht sie sich, dass wieder mehr diskutiert wird. Zuletzt sei der Termin immer mehr zum Schmusetag geworden, an dem Rosen verteilt würden.


Dr. Ricarda Fackler, Geschäftsführerin der Springer Firma Meta Fackler, hält den Frauentag für geeignet, um auf die alltägliche Gewalt aufmerksam zu machen. Gewalt, der Frauen auch heute noch in vielen Ländern ausgesetzt sind – etwa in Kriegs- und Krisengebieten. Die Forderung nach mehr weiblichen Führungskräften sei dagegen am Weltfrauentag nicht ut aufgehoben.

In Bezug auf das Rollenverständnis sieht sie Deutschland auf einem sehr guten Weg: „In meinem sozialen Umfeld kenne ich viele Männer, die sich stark in den Haushalt und in die Erziehung mit einbringen.“ Diese wären vor einigen Jahren noch mitleidig belächelt worden, meint sie. Sie glaubt, dass die Gesellschaft mit weniger Vorbehalten reagieren sollte, wenn ein Vater etwa Elternzeit nimmt. Weitere Verbesserungen kann sie sich für Mütter vorstellen: „Lange Karenz und Teilzeit sind nicht immer freiwillig.“ Fehlende Kinderbetreuungseinrichtungen ließen aber oft keine andere Wahl. Und auch soziokulturelle Werte spielen eine Rolle, meint Fackler: „Frauen, die ihre Kinder in Fremdbetreuung geben, gelten – anders als in Skandinavien – immer noch als ’Rabenmütter‘. Hier bestehe Handlungsbedarf – und nicht bei einer Quote für Führungskräfte: „Welche Frau möchte schon nur wegen der Quote einen Posten bekommen?“

Die Springer Gleichstellungsbeauftragte Anke Niemand findet den Frauentag auch nach 100 Jahren noch wichtig: „Viele junge Frauen denken, es herrscht Gleichberechtigung in Deutschland und Ehrgeiz reicht aus, um alle Ziele zu verwirklichen.“ Dem sei jedoch noch nicht so – deshalb sei es wichtig, immer wieder an die Ziele zu erinnern und neu zu formulieren. Sie habe das Gefühl, dass die Entwicklung der Gleichberechtigung seit einiger Zeit stagniere.

In Niemands Sprechstunde kommen vor allem Frauen, die von finanziellen Sorgen geplagt werden. Hier müsse noch einiges geschehen, denn viele Frauen seien etwa nach einer Scheidung von der Armut bedroht. Als historisch wichtigsten Schritt der Gleichberechtigung sieht sie das Wahlrecht für Frauen. Frauenquote, Chancengleichheit und faire Arbeitsbedingungen sind auch für Barbara Thiel aus Bennigsen, Finanzdezernentin der Region, wichtige Schlagworte. Diese Aspekte könnten nicht oft genug in der Öffentlichkeit diskutiert werden, findet sie. Ernüchternd sei besonders die Frauenquote in den börsennotierten Vorständen. Deshalb sei der Tag auch heute noch sinnvoll, meint Thiel. Der 8. März gebe Gelegenheit, um auf der einen Seite zurückzublicken und die Erfolge zu würdigen. Auf der anderen Seite könne an diesem Tag herausgearbeitet werden, was noch zu tun ist. Verbesserungspotenzial hat sie vor allem auch bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie festgestellt.

Kritisch sieht Uta Rabe vom Autohaus Mensenkamp und Vize der Werbegemeinschaft WIR den Frauentag. Sie selbst habe in einer männerdominierten Arbeitswelt keine Probleme: „Gerade die Diskussion um die Frauenquote halte ich für Quatsch“, sagt Rabe. Für sie gelte: „Qualifikation statt Quote“. Man könne die Frauen nicht aus dem Hut zaubern, die eine Führungsposition übernehmen möchten. In Norwegen sei nach der Einführung der Frauenquote die Zahl der Aktiengesellschaften gesunken.

Allerdings findet Rabe, dass es für Frauen mit Kindern schwieriger ist, Karriere zu machen. Es müsse mehr Krippenplätze geben. Generell kann sich Rabe nicht vorstellen, dass ein Frauentag viel bringt. „Das ist wie mit dem Muttertag.“ Es sei unsinnig, an einem Tag im Jahr an etwas zu erinnern – und es sonst links liegen zu lassen.

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