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Vom Präsidentensessel auf den Trecker

Springe. Zu den Sachen, die er nicht vermissen wird, gehört die Anrede. „Herr Präsident“ – das klang immer so staatstragend, unpersönlich. „Herr Höptner hätte es auch getan“, sagt der 65-jährige Sozialdemokrat mit den schlohweißen Haaren.


Springe. Zu den Sachen, die er nicht vermissen wird, gehört die Anrede. „Herr Präsident“ – das klang immer so staatstragend, unpersönlich. „Herr Höptner hätte es auch getan“, sagt der 65-jährige Sozialdemokrat mit den schlohweißen Haaren, der seit acht Jahren an der Spitze des Niedersächsischen Landesrechnungshofs steht. Sein Rang entspricht dem eines Staatssekretärs oder Ministers.

Die Landesregierung verabschiedet den Springer am Montag in Hannover. Vor wenigen Monaten konnte sich Richard Höptner mit dem Gedanken an den nahenden Ruhestand noch kaum anfreunden. „Mittlerweile glaube ich aber, ich werde die Arbeit nicht vermissen“, bekennt der Mann, der genauso gerne auf seinem Trecker wie hinterm Schreibtisch sitzt. Pläne für den nächsten Lebensabschnitt hat er genug: „Bäume fällen, Bäume pflanzen und die Bienen zum Fliegen bringen.“

Vor acht Jahren wurde ein neuer Chef für den Landesrechnungshof gesucht. Die Hildesheimer Behörde (240 Bedienstete) garantiert die unabhängige externe Finanzkontrolle des Landes.

Als bei der Suche nach einer geeigneten Führungsperson auch Höptners Name fiel, rieb der sich erstaunt die Augen. „Es gab aber alle möglichen Kandidaten“, erinnert er sich. Doch die schieden nach und nach aus, weil sie rechtliche Grundvoraussetzungen nicht erfüllten oder der Politik nicht genehm waren. Am Ende wurde Höptner mit großer Mehrheit mit den Stimmen der CDU, SPD und der FDP gewählt.

Der Seitenwechsel sei „durchaus schizophren“ gewesen, blickt Höptner zurück. „Ich war bis dahin immer Täter. Es ging darum, Projekte gangbar zu machen, haushaltsrechtliche Probleme aus dem Weg zu räumen. Auf dem Feld hatte ich einen guten Ruf.“ Plötzlich lautete seine Aufgabe: Schlupflöcher im Haushaltsrecht zu finden, die Effizienz und Effektivität der Verwaltung zu untersuchen. Dabei musste er immer wieder den Finger in die Wunde legen, prangerte an, löste Proteste aus. Ein Posten, der nichts für ein sensibles Persönchen ist, gibt er zu.

Den Präsidenten-Titel mochte er zwar nicht, die Arbeit umso mehr. Sein Abschied wird dadurch erschwert, dass er keinen Nachfolger einarbeiten konnte – es gibt schlichtweg keinen. Auch der Posten des stellvertretenden Rechnungshofleiters ist derzeit nicht besetzt. Es ist der Landespolitik nicht gelungen, sich frühzeitig auf einen Kandidaten zu einigen.

Damit es in der Hildesheimer Behörde trotzdem nahtlos weitergehen kann, hat Höptner ein Notprogramm aufgelegt. Er spielt außerdem mit dem Gedanken, seine Kollegen auch nach seinem Ausscheiden zu unterstützen, „wenn der Jahresbericht erstellt wird, könnte ich beraten“.

Zuhause in Springe wird sich der 65-Jährige vor allem um Bäume statt um Zahlen kümmern. Zusammen mit seiner Frau bewirtschaftet er ein 36 000 Quadratmeter großes Grundstück an der Göbelbastei. 300 Obstbäume und 700 Fichten stehen da am Waldrand. Höptner ist Imker und Jäger (mit einem eigenen Pirschbezirk rund um Köllnischfeld), lässt die eigene Scholle aber auch gerne mal hinter sich: Der Sozialdemokrat verreist mit dem Wohnmobil, fährt Motorrad, wandert und klettert. Von seiner Behinderung lässt er sich dabei nicht aufhalten: Höptners rechte Hand ist verstümmelt – die Nabelschnur hatte seine Finger abgeklemmt.

Gehadert habe er mit dem Handicap nie, sagt Höptner. „Ich kenne es nicht anders. Und es gibt nichts, was ich nicht kann.“ Vielleicht habe ihn genau diese vermeintliche Einschränkung auch so durchsetzungsstark und selbstbewusst werden lassen.

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