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Warum junge Springer zur Wahl gehen – oder eben nicht

„Viele sagen, es bringt doch nichts“

Springe. Sowohl die Kommunal- als auch die Landtagswahlen hat Beatrice Türpitz unbeeindruckt an sich vorbeiziehen lassen. „Politik hat mich nie interessiert. Schon in der Schule nicht“, sagt die 20-Jährige. Am 22. September will sie zum ersten Mal ins Wahllokal gehen, zum Kugelschreiber greifen und ihr demokratisches Recht nutzen. „Weil sich etwas verändern muss.“

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Autor:

Marita Scheffler und Markus Richter

Die Springerin ärgert sich über die zunehmende Staatsverschuldung, die Euro-Krise macht ihr Angst. „Meine Generation wird das alles ja mal bezahlen müssen.“ Welcher Partei sie die Wende zutraut, weiß die Auszubildende dagegen noch nicht genau. Sie hat sich die Kernaussagen der Programme von zwei Parteien durchgelesen und tendiert derzeit zur Alternative für Deutschland. „Vielleicht muss ich mich aber auch noch mehr informieren.“

Doch es gibt auch junge Menschen, die sich frustriert von der Politik abwenden: Eine 25-Jährige – dreifache Mutter – sagt: „Ich werde nicht wählen.“ Ihren Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen – umso deutlicher wird sie bei ihrer Begründung: „Ich habe bis jetzt nichts von einer Änderung bemerkt. Meine Kinder wachsen leider in Verhältnissen auf, die immer schlimmer werden. Derjenige, der ärmer ist, hat in dieser Welt schon verloren!“

Mithilfe des Internet-Angebots „Wahl-o-mat“ hat die 20-jährige Lena Leichtenschlag aus der Kernstadt versucht, ihren Favoriten zu finden. So ganz sicher sei sie noch nicht, wer ihre Stimme verdient habe, meint sie. Aber: „Ich gehe in jedem Fall wählen“.

Eine Frage, die sich dem 17-jährigen Dennis Krause wegen seines Alters (noch) nicht stellt. Schon die Zeit für den Urnengang sei verschenkt, meint der Lehrling. „Egal, welche Partei man wählt, die machen doch alle nur Müll“, formuliert er drastisch. Deutschland solle keine Zuschüsse mehr für finanzschwache Euro-Länder zahlen, sondern sich zuerst selber helfen: „Wir haben hier schließlich auch genug Probleme.“

Auch Alina Stolzenburg blickt sorgenvoll in die Zukunft – sie zieht allerdings andere Schlüsse. „Jeder Einzelne kann durch die Wahl seinen Beitrag zur Demokratie leisten“, meint die 18-jährige Abiturientin. Am wichtigsten sind ihr der vollständige Umstieg auf erneuerbare Energien, eine ökologischere Landwirtschaft und der Rückgang der Massentierhaltung. Ihre Stimme will sie deshalb dem SPD-Abgeordneten Matthias Miersch geben, den sie bei einem Schulprojekt kennengelernt hat. Dennoch: Die 18-Jährige ärgert allgemein an der Politik, „dass Dinge viel zu lange beredet werden und zu wenig passiert“.

Was junge Springer bewegt und welche Partei sie wählen, darüber fällt im Briefwahlbüro der Stadt fast kein Wort. „Unter-30-Jährige sind hier selten“, weiß Mitarbeiter Udo Helms. Und das, obwohl der Trend zum Kreuzchenmachen vor dem eigentlichen Wahltermin erkennbarer denn je ist: Gestern Mittag hatten bereits 3155 Springer ihre Stimmen abgegeben – 2600 waren es zum selben Zeitpunkt beim letzten Mal. Die 20-jährige Mareike Bormann hat bereits abgestimmt – fast schon Pflicht für eine Auszubildende der Stadtverwaltung. „Doch ich wollte immer schon wählen und habe mich damals darauf gefreut, endlich 18 zu werden.“ Ihre Motivation? „Ich möchte mich beteiligen, weil mir nicht egal ist, was in Deutschland passiert.“

Björn Ihßen denkt ähnlich. Der Völksener ist Schüler am Otto-Hahn-Gymnasium und findet es wichtig, am politischen Leben teilzunehmen. Dafür verfolgt er täglich die Nachrichten und sieht die Wahl als „einmalige Chance, mitzugestalten“. Im Unterricht analysierte sein Kurs die Programme der Parteien. Trotzdem kennt der 18-Jährige Gleichaltrige, die keinen Bock darauf haben, ihre Stimme abzugeben. „Viele sagen, es bringt ja sowieso nichts.“ Dennis Krell etwa wird von seinem Wahlrecht Gebrauch machen, die Stimme aber bewusst „verschenken“, vielleicht für eine praktisch chancenlose Partei, vielleicht, indem er den Stimmzettel ungültig macht. „Ich möchte, dass registriert wird, dass ich wählen gehe. Aber ich will auch zum Ausdruck bringen, dass ich nicht einverstanden bin mit dem, was die Politik verspricht und nicht hält.“

„Das Wahlrecht wurde mühsam erkämpft, darum ist es unser Auftrag, die Schüler zu mündigen Staatsbürgern zu erziehen“, sagt Frank Kasburg, Leiter der Heinrich-Göbel-Realschule. Der Pädagoge meint, durch den Unterricht und zusätzliche Angebote das Interesse langfristig wecken zu können. Das Otto-Hahn-Gymnasium kümmert sich auch darüber hinaus um die politische Bildung seiner Schüler. „Wir werden in diesem Jahr wieder eine Juniorwahl durchführen“, sagt Rektorin Dr. Kerstin Prietzel im Hinblick auf die „ausgesprochen guten Erfahrungen“ vor vier Jahren. Bei der simulierten Stimmabgabe vom 16. bis 20. September fühlen sich die Jugendlichen mit ihren Interessen ernst genommen, sie fiebern der Wahl regelrecht entgegen. Und sie erreichen mit rund 90 Prozent Beteiligung eine traumhafte Quote, weit entfernt von der Realität.

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