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Lagermeister bereichert sich in 51 Fällen – und muss jetzt auf seine Rente verzichten

Vertrauen des Arbeitgebers missbraucht

Völksen (ric). Das Verbrechen wiegt schwer: gewerbsmäßiger Diebstahl in 51 Fällen, immenser Schaden, Vertrauensmissbrauch, Erpressungsversuche und ein Täter, der für den Rest seines Lebens gestraft bleibt.


Der hoch geschätzte Mitarbeiter der Firma Paulmann hat über Jahre das Vertrauen des Betriebs ausgenutzt. Am Springer Amtsgericht zeigte er sich gestern in vollem Umfang geständig. Seit 1994 im Betrieb, erarbeitete sich der Mann einen guten Namen, war Vorbild für Kollegen, engagiert, beliebt. Das Völksener Familienunternehmen zahlte ihm die Meisterschulung, er übernahm mehr und mehr Verantwortung. Und er bekam einen Generalschlüssel. Der Zweck: frühmorgens alle Türen für die Kollegen aufschließen. Zunächst begann er, legal Waren der Firma zu erwerben. Palettenweise schlug er beim Personalkauf zu, machte die begehrten Deckenleuchten und Strahler beim Internetauktionshaus Ebay zu Geld. Immer mehr Waren tauchten dort auf, auch andere Kollegen hatten den Zweck der Personalkäufe offenbar nicht so interpretiert, wie es die Geschäftsführung vorgesehen hatte. Also wurde diese Möglichkeit abgeschafft. Der Mann, inzwischen in verantwortungsvoller Position im Lager tätig, hatte sich aber längst an den angenehmen Nebenerwerb gewöhnt. Und einen dubiosen „Jochen“ kennengelernt. Heute weiß er: Jochen ist ein Berufskrimineller, ein gesuchter Verbrecher, dem offenbar jedes Mittel recht ist. Und er verleitete den Verurteilten, in seinem Auftrag den eigenen Arbeitgeber zu bestehlen.

Dreieinhalb Jahre lang – von Februar 2006 bis Juni 2009 – fuhr der Lagermeister regelmäßig mit seinem Privat-Pkw, manchmal auch mit einem Kastenwagen, aufs Werksgelände. Parkte rückwärts vor einem Ausgang. „Mit dem Schlüssel hab‘ ich die Alarmanlage deaktiviert – und dann den Wagen vollgeladen“, gestand er. Das geschah stets zur frühen Stunde, noch bevor der Betrieb anlief. 51 Taten konnte die Staatsanwaltschaft nachweisen. Seine Garage hatte der Mann als Lagerraum genutzt. Dort traf er auch etwa alle zwei Wochen auf „Jochen“. Der zahlte ihm Bares für die wertvollen Lampen. Zwischen 300 und 3000 Euro pro Deal. Insgesamt 53 320 Euro sind auf diese Weise zusammengekommen. Der tatsächliche Wert der Waren liegt um ein Vielfaches höher. In der Anklageschrift wird von einer halben Million Euro ausgegangen.

„Ich konnte nicht aufhören damit, ich hatte Angst vor Jochen“, sagte er. Die Furcht vor dem Hehler war noch größer als die, bei seinem sowohl strafrechtlich als auch moralisch verwerflichen Vorgehen erwischt zu werden.

Doch „Jochen“ wollte mehr. Er drohte, der Firma gegenüber seinen Namen zu nennen, wenn der Lagermeister nicht 6000 Euro zahlen würde. Gleichzeitig wollte er Geld von der Geschäftsführung erpressen.

Eigene Frau wusste von krimineller Aktivität

Einer der Firmenchefs sagte aus, ein gewisser „Martinez“ habe geschrieben, er besitze Informationen über Mitarbeiter, die im großen Stil den eigenen Betrieb bestehlen. Auf die geforderte Zahlung ließ sich niemand ein. Stattdessen wurde die Polizei eingeschaltet, die das Gelände observierte. Dann schlugen die Beamten zu. Sie erwischten den Angeklagten auf frischer Tat. Zwei weitere Mitarbeiter sollten in den Skandal verwickelt sein – darunter die Frau des Verurteilten, von der sich Paulmann in einem Arbeitsgerichtsprozess trennte. Gegen einen Dritten wurde der Verdacht fallen gelassen. „Für uns war diese Geschichte eine große Enttäuschung“, sagte der Geschäftsführer. Der Völksener Betrieb arbeite in engem Vertrauen mit seinen Mitarbeitern. „Gerade bei ihm hätte ich das nie gedacht.“

Staatsanwalt und Rechtsanwalt meinten, die Firma hätte es dem Angeklagten zu leicht gemacht. Das Schöffengericht unter Vorsitz von Pamela Ziehn sah das ganz anders: „Andere Firmen überwachen ihre Mitarbeiter. Hier wurde eindeutig ein funktionierendes Vertrauensverhältnis zerstört“, sagte Ziehn. Weil er noch nicht strafrechtlich in Erscheinung getreten war, fiel das Urteil – zwei Jahre auf Bewährung – vergleichsweise milde aus. Seine sicher geglaubte Rente wird der Mann aber nie sehen: Im kommenden Jahr wird er Hartz IV beziehen – und für den Rest seines Lebens einen Schuldenberg vor sich herschieben, den er wohl nie wieder abbezahlen kann. Er akzeptierte das Urteil, es ist damit ab sofort rechtskräftig.

Paulmann verzichtete übrigens auf Wertersatz. Den dubiosen Hintermann „Jochen“ jagt die Polizei noch immer – bislang vergeblich.

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