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So südländisch schmeckt‘s am Deister

SPRINGE. Die Rosen an der Rosenstraße sind nicht mehr, seit eine grüne Wand aus Kiefern und Efeu das Licht verschluckt. Jürgen Dörries einzigartige und wertvolle Kakteensammlung? Hinüber. „Daran war der Balkankrieg schuld“, sagt der pensionierte Beamte bestimmt.

Vor mehr als 25 Jahren holte Jürgen Dörries Apfelsinenbäume in seinen Garten mit Gewächshaus an der Rosenstraße – und damit wunderbaren Duft und köstliche Früchte. Foto: Weißling
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Katharina Weißling Redakteurin zur Autorenseite

Als die Flüchtlinge Mitte der 1990er Jahre aus dem ehemaligen Jugoslawien eintrafen, schob er Überstunden über Überstunden in der Ausländerbehörde in Hannover. Fürs zeitaufwendige Gießen der „Königin der Nacht“ und unzähliger anderer Kakteen-Kostbarkeiten im selbst gebauten Gewächshaus anno 1971 blieb keine Zeit.

Jetzt ist Jürgen Dörries 71 Jahre alt und der Garten, in dem er und seine Frau Nilgün wirken, ist zu einer Oase voller Überraschungen und Geschichten geworden. Die kleinen aromatischen Kumquats, die im Gewächshaus und bei Sonnenschein draußen gedeihen, erzeugen Geschmacksexplosionen auf der Zunge. So intensiv schmecken die exotischen Beeren, die mit Schale gegessen werden.

Nilgün Dörries ist im asiatischen Teil Istanbuls aufgewachsen. „Das war so eine ganz geordnete Siedlung, fast deutscher als hier, in der Haus an Haus gleich aussah, aber jeder einen eigenen Garten hatte“, erzählt die gebürtige Türkin. Gefühlt habe sie ihre Kindheit kletternd im riesigen Feigenbaum der Großeltern verbracht. Heute prägen schlanke Feigenbäume mit köstlichen Früchten ihren Wohnort.

Der Nutzgarten aus Jürgen Dörries Kindheit war ein anderes Kaliber. Kaum zu erahnen, wie es früher ausgesehen haben mag hinter Dörries Elternhaus, wo heute Frösche quaken, umgeben von einem durchgestalteten, wohlgeordneten Ziergarten. Mit liebevoller Hartnäckigkeit hat Nilgün Dörries ihrem Schwiegervater den Garten nach und nach abgeluchst und ihn dann nach ihren Vorstellungen umgekrempelt. Bis heute ist nichts beständiger als der Wandel auf diesem Grund und Boden.

Von den Kakteen bleibt die Erinnerung an das Jahr, als das Ehepaar die Blüten der „Königin der Nacht“ mit ihren strahlenförmigen Blättern und dem intensiven Vanilleduft spontan beim Griechen verkaufte. „Machen Sie sich eine schöne Nacht, morgen früh ist es vorbei mit der Schönheit“, hatte Jürgen Dörries den erstaunten Restaurantbesuchern auf den Weg gegeben, dass jede Blüte nur wenige nächtliche Stunden hält. „Wir dachten uns, dass das zu schade ist, um es allein zu genießen“, ergänzt Nilgün Dörries.

Als sie ihren Mann auf Höhe des Bosnien-Kriegs kaum sah, legte sie über Nacht einen Teich an. „In das Loch bin ich zu später Stunde auch prompt reingefallen“, erinnert sich ihr Mann an diesen Feierabend.

Auf seine eingbüßten Kakteen sollten Zitrusfrüchte folgen. Im Frühjahr verdutzt Jürgen Dörries die Mitarbeiter der Abfallwirtschaft Region Hannover (aha) gerne indem er ihnen Zitronen und Kumqats schenkt. Zum Dank für hunderte Liter hervorragenden Komposts. „Die gehen ab wie Schmitz Katze mit dem Zeug“, lobt er die Biotonnen-Produkte bei solchen Gelegenheiten. „Einmal haben wir die sogar zum Kaffee eingeladen, da stand die ganze Straße voller Aha-Fahrzeuge“, blickt Nilgün Dörries vergnügt zurück. Die Exoten gedeihen bestens in den großen Kübeln, die Jürgen Dörries Sommer für Sommer aus dem Gewächshaus schleppt. „Zerreiben Sie mal so ein Blatt“, fordert er auf. Unerwartet starker Duft überwältigt den Geruchssinn.

Genau so ein Sinneseindruck war es, der Jürgen Dörries vor mehr als 25 Jahren auf die Spur der Zitrusfrüchte auf dem bunten Weihnachtsteller seiner Kindheit brachte. „Beim Großmarkt in Hannover hatte ich plötzlich etwas in der Nase, das diese Gefühle hervorgeholt hat“, sagt der Hobbygärtner. Ein Apfelsinenbaum wars. Seine Nachfolger duften heute noch.

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