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Wissenschaftsministerin Johanna Wanka diskutiert im OHG mit dem doppelten Abiturjahrgang

„Schwierig, der Politik Glauben zu schenken“

Springe. Ihr gewinnendes Lächeln, ihre Ruhe, die kann ihr keiner nehmen – weder der lautstarke Musikunterricht nebenan, noch die lärmenden Schüler, die in der Pause hinten durch die Aula des OHG ziehen. Erst als in der Diskussionsrunde schon wieder eine Schülerin durchblicken lässt, dass sie nicht allen Versicherungen der Wissenschaftsministerin so ganz über den Weg traut, da wird Johanna Wanka ernst. „Ich verstehe manche Hektik hier in den alten Bundesländern nicht“, sagt die erste Ost-Politikerin im Kabinett eines westdeutschen Bundeslandes.

Die niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur, Johanna Wanka, auf der Bühne der Aula. Die 59-Jährige war mit dem Z
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Christian Zett Redaktionsleiter zur Autorenseite

Gekommen ist die 59-Jährige gestern Vormittag ins Otto-Hahn-Gymnasium, um mit den gut 260 Abiturienten des diesjährigen Doppeljahrgangs zu diskutieren. Um sie aufzufordern, zu studieren. Und um ihnen zu versichern, dass das Land und seine Universitäten vorbereitet sind auf den Studenten-Ansturm, den Turbo-Abitur und Abschaffung der Wehrpflicht bald bringen werden.

„Ein ganz brisantes Thema“ hatte Schulleiter Carl-Clemens Andresen schon in seinen einleitenden Worten gesagt. Wanka geht denn auch gleich in die Offensive. Studieren, macht sie den Abiturienten klar, sei trotz des Andrangs gerade jetzt angesagt: „Wir haben immer noch zu wenige junge Menschen, die nach dem Abitur an eine Hochschule wechseln.“ Dabei sei ein Studienabschluss statistisch gesehen immer noch „die beste Absicherung gegen Arbeitslosigkeit“.

Bei der Auswahl des Studiengangs solle man sich auch nicht nach dem Arbeitsmarkt-Bedarf richten: „Wie es da später aussieht, weiß man nicht. Gehen Sie lieber nach Ihren Interessen und Neigungen,“ fordert die Ministerin.

Neugierig und kritisch: Die angehenden Abiturienten des Otto-Hahn-Gymnasiums lauschen dem Vortrag und stellen Fragen. Fotos: zet
  • Neugierig und kritisch: Die angehenden Abiturienten des Otto-Hahn-Gymnasiums lauschen dem Vortrag und stellen Fragen. Fotos: zett

Das Land habe sich seit 2005 intensiv auf den doppelten und geburtenstarken Abiturjahrgang vorbereitet, versicherte Wanka: „Als es in den 70er-Jahren eine ähnliche Situation gab, hat die Politik versagt.“ Jetzt habe man neue Studiengänge und -plätze geschaffen, Aufnahmebarrieren gelockert: „Die Hochschulen sind für den Ansturm gerüstet“, sagt die Ministerin.

Nach Wankas Erläuterungen wollen die Schüler reden – und zwar erst mal über Geld. „Ich würde wegen der Studiengebühren nicht hier in Niedersachsen studieren“, sagt Jessica und ihre Mitschüler applaudieren. Wanka ficht das nicht an. Sie erklärt, die Gebühren seien nötig, damit das „alte Europa“ mit gut ausgestatteten Unis wettbewerbsfähig bleibe – etwa gegenüber den USA, wo die Hälfte der Kosten für ein Studium privat aufgebracht werde. Sie verweist auf den Studienkredit der N-Bank: Wer wolle, könne gut 5000 Euro zu einem günstigen Zinssatz bekommen und so seine gesamte Studienzeit abdecken. Problem: Kaum jemand will bislang. „Das Angebot wird selten genutzt, darüber ärgern wir uns“, so Wanka. „Was sagen Sie denen, die so schon verschuldet auf den Arbeitsmarkt gehen?“, fragt ein Abiturient. Wanka antwortete pragmatisch: „Dass die Konditionen besser sind, als wenn sie sich gebraucht ein Auto auf Kredit kaufen.“ Man habe 20 Jahre Zeit, um die 5000 Euro zurückzuzahlen: „Das ist nun wirklich nicht die Hürde.“

Die Veranstaltung neigt sich dem Ende zu, als eine Schülerin ans Mikrofon kommt: „Ich finde es schwierig, der Politik Glauben zu schenken“, sagt sie. Es habe schließlich auch geheißen, der Weg zum Abitur nach zwölf Jahren sei kein Problem. Da verschwindet Wankas Lächeln kurz. „Das ist so ein Unterschied von neuen zu alten Bundesländern“, sagt sie. In ihrer Heimat Sachsen sehe man in Veränderungen öfter auch mal „Chance und Risiko“, so die Ministerin: „Fragen Sie nicht immer nur nach der Absicherung.“

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