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Frau in schweren Unfall verwickelt, Ehemann will helfen – und verstößt dabei gegen das Gesetz

Schicksalsschlag mit kleinem Happy End

Eldagsen. Der 20. Juli 2010 war ein schicksalhafter Tag, der das Leben einer Familie aus Eldagsen nachhaltig veränderte. Es war der Tag, an dem die zweifache Mutter mit dem Auto schwer verunglückte. Ihr Mann fuhr sofort los, eilte zu Hilfe – allerdings mit 1,28 Promille Alkohol im Blut. Es war der Tag, nach dem beide ihren Job verloren hatten. Und erst seit gestern kann die Familie wieder auf eine positive Zukunft hoffen.

Autor:

Markus Richter

Richterin Pamela Ziehn hörte gestern im Amtsgericht eine Geschichte, die trotz eines offensichtlichen Gesetzesverstoßes irgendwie zu Herzen ging: In den Abendstunden des sommerlichen Tages ist die Eldagserin auf der Kreisstraße 505 in Richtung Marienburg unterwegs. Von der Sonne geblendet und abgelenkt am Steuer durch ihr Handy gerät sie binnen Sekunden von der Strecke ab, rast gegen einen Baum. Ihr Wagen schleudert quer auf die Fahrbahn, sie verletzt sich schwer, kann das Bein nicht bewegen, nicht aussteigen. Mit blutüberströmten Händen ruft sie ihren Mann an. Sie fleht: „Komm, hilf mir!“

Der lässt zu Hause alles stehen und liegen und eilt herbei, trifft noch vor Feuerwehr, Notarzt und Polizei ein. „Ich habe Erste Hilfe geleistet und die Unfallstelle abgesichert“, sagt der 35-Jährige. Und er gibt an, dass kurz darauf ein Lastwagen durch die unübersichtliche Kurve angerauscht kam – „der hätte nicht mehr rechtzeitig bremsen können.“ Einziger Haken an der Sache: Der Eldagser war nicht nüchtern, mit mehr als 1,1 Promille laut Gesetz sogar „absolut fahruntüchtig“. „Eine Schockreaktion“, argumentierte der Angeklagte gestern, eine impulsive Handlung. Sein Anwalt sagte, niemand habe zu dem Zeitpunkt gewusst, ob die Verletzungen lebensgefährlich seien. Er plädierte infolgedessen auf eine „Nothilfehandlung“. Ein Polizist sagte im Zeugenstand aus, der Mann habe vor Ort richtig abgesichert – und dass es sonst niemanden gegeben habe, der wenigstens ein Warndreieck aufgestellt hätte.

Dennoch: Ein Polizist roch vor Ort den Alkohol im Atem des Mannes, die Staatsanwaltschaft zog seinen Führerschein vorläufig ein. Der Eldagser verlor seinen Job als Berufsfahrer – er war noch in der Probezeit. Und auch seine Frau, deren Becken und Rippen brachen, wurde gefeuert. Ihr Arbeitgeber befürchtete wohl, für eine Kranke teuer aufkommen zu müssen. Heute leben beide mit ihren Kindern von Hartz IV. Und deshalb war beim Urteilsspruch auch gar nicht so entscheidend, dass eine Geldstrafe von 280 Euro verhängt wurde. Viel wichtiger war die Rückgabe des inzwischen seit fünf Monaten entzogenen Führerscheins. Der Angeklagte und seine Frau atmeten auf, waren sichtlich erleichtert aufgrund des Fingerspitzengefühls der Richterin. Die hatte zwar die Strafe wegen fahrlässiger Trunkenheit im Verkehr verhängt und angemahnt, dass es andere Mittel der Hilfe gegeben hätte. Aber sie hatte den Mann nicht als zum Fahren ungeeignet eingestuft, habe er sich doch beim Absichern ordnungsgemäß verhalten und sich einsichtig gezeigt. Noch im Gericht erhielt er seinen Führerschein zurück.

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