weather-image
16°

Rekordernte ohne Rekorde

Springe. Die Zeiten ändern sich verflucht schnell. Dennoch bleiben einige alte Dinge wahr. Etwa Bauernregeln. Eine besagt, dass man sich nicht über die Ernte freuen sollte, bevor sie eingefahren wurde.

270_008_7331597_maeh_prio.jpg

„Viele haben mit einer Rekordernte beim Weizen gerechnet“, sagt Hilmar Kickel, Landwirt und Lohnunternehmer aus Springe. Immerhin bekam er Sonne satt, genug Regen und wenig Frost. Genau diese Kombination führt nun aber nicht zu einer Rekord-, sondern eher zu einer durchschnittlichen Ernte. Denn das milde Wetter im Winter hat das Wachstum der Halme befördert, die wurden lang – und dadurch anfällig für Wind und Hagel. Den gab es dann später auch.

„Bei mir sind 50 Prozent des Weizens umgeknickt“, sagt Björn Estorf, stellvertretender Vorsitzender des Landvolks Bezirk Springe. Der Landwirt aus Gestorf hat bereits mit der Kornernte begonnen. Eigentlich müsste das Korn so rasch wie möglich vom Feld. Denn die umgeknickten Halme drohen zu keimen, wenn es ergiebig regnet. Doch Felder, auf denen Halme umgeknickt sind, lassen sich nur sehr langsam mähen. Und auch der Zeitraum, in dem gemäht werden kann, ist begrenzt: „Abends kommt in Bodennähe der Tau – und die Halme werden feucht“, erläutert Estorf. Das führt dazu, dass in den späten Abendstunden nicht mehr gemäht werden kann.

Um das schmale Zeitfenster, in dem die Dreschmaschine eingesetzt werden kann, ist bei Kickel ein regelrechter Kampf entbrannt. „Wer zuerst anruft, bei dem wird auch zuerst gemäht“, ist die Devise des Mannes, der einen eigenen und gemeinsam mit einem Kollegen einen weiteren Mähdrescher auf die Felder schickt.

Doch auch wer sein Korn rechtzeitig vor dem Regen einbringen kann, wird alles andere als eine Rekordernte einfahren, glaubt Estorf. „Ein Teil der umgeknickten Ähren bleibt liegen“, weiß er. Wenn sie ungünstig gefallen sind, könne man sie einfach nicht aufnehmen – egal, wie genau man manövriere.

Ein endgültiges Urteil über den Ernteertrag möchte Friedrich Henkels aus Bockerode noch nicht abgeben. Doch auch der zweite stellvertretende Vorsitzende der Bauern im Bezirk geht davon aus, dass mindestens 25 Prozent der Weizenbestände umgeknickt sind – oder am Lager, wie der Landwirt sagt. „Wenn es jetzt noch einmal richtig feucht wird, haben wir eine hohe Verlustgefahr“, sagt er.

Für die nächsten Wochen sagt der Wetterbericht immer wieder Schauer voraus. Das wissen natürlich auch die Landwirte, die keinen eigenen Mähdrescher haben. Und sie kennen natürlich auch die alte Bauernregel. Deshalb steht das Mobiltelefon bei Kickel in diesen Tagen nicht mehr still.

Eher durchwachsen fällt auch die Ernte der ersten Frühkartoffeln aus. Obschon der Ertrag ganz ordentlich ist: Viele Erdfrüchte sind von der Krautfäule befallen. „Das ist nicht normal. So schlimm war es schon lange nicht mehr“, meint Estorf. Um die schädlichen Pilze zu bekämpfen, setzen die Landwirte auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Deren Einsatz jedoch ist ziemlich teuer.

Das warme Wetter und der Regen zu Pfingsten haben „den Grundstein für die Krautfäule gelegt“, glaubt Estorf. „Ich rode nur noch, wenn ein Kunde etwas bestellt“, lautet seine Strategie gegen den Pilz., der die Kartoffeln binnen weniger Stunden faulen lässt und ungenießbar macht.

Doch selbst wenn die Erdäpfel bereits im Lager sind, schlägt die Krautfäule noch zu. Auch eine alte Bauernweisheit kann sich mal irren.rtm

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare