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Diakonie und Krankenkasse wollen professionelle Dienste entlasten: „Wir vergeuden Fachkräfte“

Pilotprojekt in Springe: Angehörige pflegen mit

Springe. Es ist ein bundesweit einzigartiges Pilotprojekt – und es stößt nicht nur auf Gegenliebe. In Springe und Garbsen wollen die Diakonie und die Krankenkasse AOK Angehörige in der Versorgung von Patienten schulen und so professionelle Pflegedienste entlasten. Doch bei denen regt sich Widerstand.

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Christian Zett Redaktionsleiter zur Autorenseite

Andreas von Schell sitzt in der Cafeteria des Altenzentrums an der Jägerallee. Er ist Mitarbeiter der Diakonie Kirchröder Turm, Leiter des Projektes – und will der Kontroverse etwas den Wind aus den Segeln nehmen: „Natürlich greifen wir ins Marktgeschehen ein. Aber es ist ja nicht so, dass wir hier in zwölf Monaten fünf Pflegedienste zumachen würden.“ Diese fürchten nämlich, Aufträge zu verlieren. Doch für von Schell sind die Fakten überzeugender als alle Bedenken: „80 Prozent der häuslichen Behandlungspflege besteht aus der Medikamentenvergabe.“ Und: „Wenn wir den jetzigen Status hochrechnen, steigt die Zahl der Pflegebedürftigen in den nächsten 20 Jahren um 150 Prozent.“ Daten, die für von Schell nur eine Schlussfolgerung zulassen: Wenn bestimmte Aufgaben nicht abgegeben werden, „dann vergeuden wir Fachkräfte“. Und damit kommt wieder die Medikamentenvergabe ins Spiel. „Wer da entsprechend geschult wird, der kann das“, ist von Schell überzeugt. Die Angehörigen bekommen eine kostenlose 160-stündige Ausbildung und sind über das Land versichert.

Bei den Betroffenen glaubt von Schell mit dem Projekt offene Türen einzurennen: „Der Wunsch der häuslichen Versorgung steigt immer weiter“. Auch neue Wohnformen wie ein Mehrgenerationenhaus könnten profitieren: „Die Pflege muss ja nicht von einem Familienmitglied vorgenommen werden, das kann auch ein Nachbar sein, dem der Patient vertraut. Der freie Wille ist entscheidend.“ Von Schell ist auch in anderer Hinsicht die Meinung der Patienten wichtig: „Die empfinden die mehrmals täglichen Besuche des Pflegedienstes manchmal als Fremdkörper.“ Angehörige könnten dieses negative Gefühl abschwächen.

Angst vor Fehlern der Laien hat von Schell nicht – aber: „Überforderung und Vernachlässigung dürfen nicht eintreten.“ Die Verabreichung von Medikamenten sei relativ einfach; die Menschen sollen aber auch für Notfallsituationen geschult werden. In Zwei-Wochen-Rhythmen wird ihre Arbeit dann beurteilt.

Für den Projektleiter ist klar: „Es wird immer Leute geben, die einen Pflegedienst vorziehen. Aber wir wollen ja auch keine hundertprozentige Umverteilung auf private Pflege. Wir wollen nur das Potenzial nutzen.“ Die Pflegedienste werden das gerne hören.

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