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Springer bleibt nach Raubüberfall gelassen – und beeindruckt seine Peiniger damit nachhaltig

Opfer wünscht Tätern „viel Glück“

Springe. Es kommt nicht häufig vor, dass ein Opfer den Tätern „viel Glück“ wünscht. Schon gar nicht, wenn die Täter maskiert und bewaffnet sind und einen schweren Raub verübt haben. Ihr Gegenüber, ein 56-jähriger Mann, legt dennoch ein gutes Wort für die Kriminellen ein. Anschließend rät er ihnen: „Jungs, macht künftig keinen Mist mehr!“

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Marita Scheffler Redakteurin zur Autorenseite

Der 56-Jährige hat mehrere Jahre für einen Sicherheitsdienst gearbeitet. Vermutlich hat ihn die Attacke im Februar 2012 deshalb so unglaublich wenig beeindruckt: Der Spielhallen-Angestellte ging kurz vor Mitternacht durch den Laden in der Innenstadt, als zwei Maskierte in den Vorraum kamen – bewaffnet mit einer Pistole. Er habe reflexartig die Zwischentür zugehalten und um Hilfe gerufen, erinnert sich der 56-Jährige an den Vorfall.

Der 16- und der 17-jährige Täter flüchteten, wurden aber wenige Minuten später von der Polizei festgenommen. In den Rücksäcken fanden die Beamten zwei mit Schlitzen versehene Mützen, eine Schreckschusswaffe und ein Messer.

Einer der beiden Jugendlichen musste später mehrere Stunden in einer Zelle verbringen. Dort begann sein 18. Geburtstag. „Das hat ihn sehr bewegt“, schilderte die Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe in der gestrigen Verhandlung vor dem Springer Jugendschöffengericht. Der junge Springer könne heute „nicht mehr nachvollziehen, was damals passiert ist“.

Die Jugendgerichtshelferin brach auch für den zweiten Täter – er ist mittlerweile 20 – eine Lanze. Sie habe den Eindruck, „dass das damals der Punkt war, an dem ihm klar geworden ist: Für dich geht es hier in die falsche Richtung.“ Die beiden Jungs stammen aus Spätaussiedlerfamilien, sie hätten sich damals aus der Gesellschaft herausgezogen und häufig getrunken.

Schon vor dem Spielhallen-Raub seien die Schüler mehrfach straffällig geworden. In den vergangenen eineinhalb Jahren haben sie sich aber nichts mehr zuschulden kommen lassen. Der 20-Jährige arbeitet mittlerweile, der 18-Jährige macht eine Ausbildung. Beide bezeichnen die Tat als Dummheit: „Was passiert ist, tut uns leid.“

Der Spielhallen-Mitarbeiter hat die Eltern des 20-Jährigen und seine Geschwister kennengelernt. „Ich mag die Familie unwahrscheinlich gerne“, sagte er gestern an: „Das sind ordentliche Leute.“ Nach so vielen warmen Worten haute der hannoversche Staatsanwalt während seines Plädoyers mehrfach auf den Tisch. Die Angeklagten könnten den Eindruck gewinnen, es handele sich um einen Dumme-Jungen-Streich. „Wir reden hier aber über eines der schwersten Verbrechen, das es gibt: Raub mit einer Waffe. Als Erwachsene würden Sie dafür mindestens fünf Jahre in den Knast gehen.“ Nur wegen der erkennbar guten Sozialprognose lasse er sich zu einer Bewährungsstrafe hinreißen.

Auf Wunsch der Jugendgerichtshilfe packte er als Auflagen eine Suchtberatung, einen sozialen Trainingskurs und schließlich auch noch einen zweiwöchigen Arbeitsdienst drauf – die Heranwachsenden sollten in ihrem Urlaub ein Hilfsprojekt unterstützen.

Das Jugendschöffengericht ging in seinem Urteil über dieses Strafmaß hinaus. Zwar milderten der Vorsitzende und die beiden Laienrichter die Bewährungszeit ab: Sechs Monate Jugendarrest, ausgesetzt auf zwei Jahre, genügen. Aber: Der 18- und der 20-Jährige müssen schon jetzt ins Gefängnis: Sie sollen eine Woche in einer Jugendanstalt „Probe sitzen“. „Ein Denkzettel für die Riesendummheit“, erklärte Richter Felix Mundtschick. Jeder der beiden Täter muss zudem 300 Euro an die Hilfsorganisation Weißer Ring zahlen.

Die beiden Angeklagten nahmen die Strafe schon im Gerichtssaal an: Sie würden auf Berufung oder Revision verzichten, um endlich „einen Schlussstrich“ zu ziehen.

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