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Alle wünschen sich mehr Sauberkeit – aber die kostet

NDZ-Serie: Ordnung muss sein

SPRINGE. Klagen gibt es immer wieder: Über die Bahn, die ihre Bahndämme nicht mäht, über die Stadt, die sich nicht um ihre Beete kümmert, über Privatleute, die ihre Hecken nicht schneiden. Die Wildnis wuchert überall in Springe und den Ortsteilen. Grünpfleger kommen gegen das Unkraut nicht mehr an. Und das hat Gründe.

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Mischer

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Ralf T. Mischer Redakteur zur Autorenseite

Ja, in Springe wird gebaut. Und mit jeder Baustelle geht eine sogenannte Erschließung einher – das sind all jene Maßnahmen, die erforderlich sind, um eines oder mehrere Grundstücke nutzbar zu machen. Etwa Straßenbau. Und Straßen, die haben einen Straßenrand. „Mit jeder Erschließungsmaßnahme bekommen wir mehr Grünflächen“, sagt Tiefbauamtsleiter Gerd Gennat. Und klagt darüber, dass seinem Fachbereich damit zwar mehr Aufgaben zuwachsen, Personal- und Geldbudget aber gleich blieben. „Bis vor einiger Zeit konnten wir noch Ein-Euro-Jobber einstellen, dafür sind die Auflagen mittlerweile aber immens gestiegen.“ Kurzum: immer mehr Arbeit, immer weniger Geld. Und auch der Einsatz von Herbiziden, Unkrautvernichtern, geht nur noch mit sehr hohen Hürden. Also faktisch gar nicht.

Aber Ordnung muss, Ordnung soll natürlich trotzdem sein. Wie Beete, Randstreifen, Parks und Friedhöfe also gepflegt und sauber halten? „Wir kriegen an vielen Stellen die Grundverkrautung gar nicht mehr heraus, weil die Pflege dort nur noch einmal jährlich möglich ist“, räumt der Behördenleiter ein. Heißt, weniger bürokratisch ausgedrückt: Teile der Stadt sehen aus wie ein naturnaher Biogarten. Aber das mögen eben nicht alle.

Für massenhafte Beschwerden sorgen auch die Flächen neben der S-Bahnstrecke. Besonders in Springe schießt dort das Unkraut so stark ins Kraut, dass etwa die Industriestraße im Hochsommer eher an den Dschungel von Da Nang erinnert, denn an eine Stadt am Deister. Auch die Verwaltung hat sich schon mehrfach bei der Bahn beschwert – und eingefordert, dass die Wildnis gestutzt wird. Mit wenig Erfolg. Bahn-Sprecher Egbert Meyer-Lovis erklärt, warum: „Bäume und Pflanzen, die in der Rückschnittszone wachsen, werden in der Regel einmal im Jahr zurückgeschnitten.“ Also ebenso selten wie die städtischen Beete.

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  • In der Industriestraße wird es eng: Radfahrer und Fußgänger können sich den Bürgersteig durch Wildwuchs schlecht teilen. FOTOS: HOFFMANN

Nun ist aber Pflanze nicht gleich Pflanze. Manche brauchen viel Pflege, andere eher weniger, manche nahezu gar keine. Damit der Pflegebedarf der Grünflächen besser abgeschätzt werden kann, schlägt Gennat schon seit einiger Zeit ein sogenanntes Grünflächenkataster vor. Darin soll erfasst werden, welche Flächen es gibt, wie oft sie gepflegt werden müssen – und welcher Aufwand dafür nötig ist. „Das kann uns helfen, unsere Kräfte zu bündeln und uns um die Flächen zu kümmern, die sich lohnen.“ Denn nicht jedes kleine Beet habe eine stadtgestaltende Wirkung – und bedürfe deshalb nicht unbedingt intensivster Pflege.

Auch darüber soll das Kataster Aufschluss geben: Wie ordentlich die Beete in Springe überhaupt sein sollen. Gennat: „Vom Englischen Rasen bis zum ökologischen Beet ist alles möglich.“

Und natürlich unterschiedlich teuer. Da wünscht er sich eine Entscheidung der Politik: „Als Stadt brauchen wir da eine klare Linie.“ Vorgarten-Stil oder Öko-Wildwuchs. Beides geht nicht. Der Behördenleiter macht aber auch klar, dass am Ende in jedem Fall Geld in die Hand genommen werden muss. Sollten gepflegt-ungepflegte Bio-Beete gewünscht werden, müssten dafür erst einmal die passenden Pflanzen angeschafft werden. Und im Falle einer Intensiv-Pflege müsste über die Fremdvergabe von Aufgaben nachgedacht werden. Denn auch die gibt es – nicht – umsonst. Springes Beete werden im Durchschnitt ein bis zwei Mal jährlich gepflegt.

Laut Experten reichen ein bis zwei Pflegerunden aber nicht aus. Als allgemeiner Standard für ordentliche Beete gelten mindestens vier Pflegedurchgänge pro Jahr. Die kann die Stadt bisher nicht im Ansatz stemmen. Also sind Alternativen gefragt.

Eine solche könnten auf den ersten Blick Pflegepaten sein: Anwohner kümmern sich um das Beet oder den Rasen in der Nachbarschaft. Gerd Gennat würde sich über jeden Ehrenamtlichen freuen, der sich schriftlich dazu bereit erklärt, sich um eine Fläche zu kümmern. „Die Resonanz darauf hielt sich bisher aber eher in Grenzen.“ Auch beim Bürger-Engagement gibt es also Optimierungsbedarf.

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