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Professor: Heimatdichter als ideologischer Wegbereiter von Hitler / Marock will Antrag prüfen

Nazi-Vorwurf: Neuer Name für Sohnreyweg?

Springe (zett/ll). Muss der Sohnreyweg in der Kernstadt einen neuen Namen bekommen? Das könnte zumindest die Konsequenz aus neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen über den niedersächsischen Heimatdichter sein. Denn eine Studie des Göttinger Literaturwissenschaftlers Prof. Frank Möbius wirft dunkle Schatten auf Sohnreys Leben und Wirken. Er habe nicht nur der Ideologie der Nationalsozialisten im Dritten Reich nahegestanden, sondern in seinen Schriften auch die Rassentheorie der Nazis maßgeblich beeinflusst.

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Klein ist er, der Sohnreyweg. Die Straße mit wenigen Häusern liegt nahe des Kurzen Gings, zweigt ab von der Dopmeyerstraße. Seit den 60er-Jahren, glaubt Ortsbürgermeister Carsten Marock, erinnert der Sohnreyweg an den Heimatdichter. „Sohnrey war schon deutlich vor 1933 überzeugter Nazi“, erklärt Möbus. Dieser Ideologie sei der Dichter zeitlebens verhaftet geblieben. „Und er hat bereits in den 20er-Jahren den Angriff auf Polen beschworen.“ Die Lektüre Sohnreys Werke beweise, dass der Dichter unter anderem 1933 neben 87 anderen Literaten „das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler“ unterzeichnet hatte. Der Göttinger Professor führt weiter aus: „Tatsache ist auch, dass er in seinen Texten Zigeuner und Polen als ,minderwertige Rassen‘ bezeichnet hat.“ Ein Buch aus dem Jahr 1934, so belegen es Möbus‘ Nachforschungen, bezeichnet Heinrich Sohnrey sogar als „Vorher-Verkünder des Führers Adolf Hitler“.

Bürgermeister Marock, dessen Ortsrat im Falle eines Falles für eine Umbenennung der Straße zuständig wäre, will die Erkenntnisse von Möbus gerne prüfen lassen – und dann entscheiden, ob man einen entsprechenden Antrag verfolgen würde. „Ich bin selbst kein Literaturspezialist“, sagt der Bürgermeister. Er könne sich vorstellen, vorher den Springer Pädagogen und Göbelforscher Dr. Hans-Christian Rohde auf das Thema anzusetzen. „Danach können wir beratschlagen, wie es weitergeht.“ Wichtig sei in jedem Fall, auch die Anwohner in eine Entscheidung mit einzubeziehen.

Lange Zeit galt Sohnrey als „politischer Vordenker“, der sich der Verbesserung der Lebensverhältnisse auf dem Lande und dem Erhalt dörflicher Strukturen verschrieben hatte. Von einer Verbreitung der Nazi-Ideologie war bislang nie die Rede, über die Werke Sohnreys lagen nur wenige wissenschaftliche Erkenntnisse vor. Die jüngsten Studienergebnisse aber schlagen insbesondere in Südniedersachsen hohe Wellen: Die Sohnrey-Realschule in Hann. Münden stellte beim Landkreis Göttingen bereits den Antrag auf eine Umbenennung der Schule. Offenbar will sich der Göttinger Schulausschuss Ende November mit der Frage befassen. Die Ortsverbände der Grünen und der Linken im dortigen Rat wollen zudem einen Antrag auf Umbenennung der dortigen Sohnrey-Straße einbringen.

An der traditionsreichen Georg-August-Universität in Göttingen kündigt sich ebenfalls eine drastische Reaktion auf die Forschungen aus eigenem Hause an: Dort hatte man Heinrich Sohnrey im Jahr 1934 die Ehrenbürgerschaft verliehen. Diese droht dem Dichter nun post mortem entzogen zu werden. „Die Universitätsleitung prüft derzeit die Aberkennung der Ehrenbürgerschaft“, sagte Universitätssprecher Romas Bielke auf Anfrage. Die Forschungsergebnisse des Literaturwissenschaftlers Möbus seien „noch relativ frisch“, gäben dem Universitätspräsidium aber Anlass zu einer eingehenden Untersuchung. Die Rechtsabteilung wurde mit einer Prüfung des Falles beauftragt, sagte Bielke.

Doch auch rund um Springe wird heiß diskutiert: Im Rintelner Ortsrat wurde das Thema in der jüngsten Sitzung als Tagesordnungspunkt für die nächste Zusammenkunft vorgeschlagen. Auch in Holzminden oder Gronau tragen Straßen Sohnreys Namen.

Das für Springe zu ändern, sei in erster Linie Sache der Politik, betont der Erste Stadtrat Hermann Aden. Bei einer intensiven öffentlichen Diskussion könnte sich aber auch die Verwaltung mit dem Thema befassen – und unter Umständen gar einen eigenen Änderungsantrag in den Ortsrat einbringen. Er erinnerte an die Diskussion um Heinrich Göbel, der von den Nazis für ihre Zwecke als Volksheld vereinnahmt worden war. Hier war die Entscheidung letztlich gegen eine Umbenennung von Schule und Straße gefallen.

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