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Wie der Hospizverein mit seinem Café für Trauernde einen mühevollen Prozess begleitet

Kuchen, Kerzen und Erinnerungen

Springe. Als der Mann plötzlich glaubt, seine tote Frau im Bus sitzen zu sehen, hat er Angst: „Ich glaube, ich werde verrückt.“ Verrückt vor Trauer, vor Schmerz über den Verlust. Doch der Mann ist weder verrückt – noch allein. „Mir ist das auch so gegangen“, sagt Petra Thiel. Sie organisiert mit mehreren Mitstreiterinnen das Café für Trauernde, das sich jeden Monat im Familienbüro trifft.

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Christian Zett Redaktionsleiter zur Autorenseite

Seit gut einem Jahr gibt es das Angebot jetzt – und der Andrang gibt dem Verein Hospizarbeit recht. „Wir haben einen festen Stamm von bis zu zehn Teilnehmern“, sagt Lore Schultz-Hamster. Manchmal ist es richtig voll im Familienbüro, dann stoßen auch die Leiter der Trauerrunde an ihre Grenzen: „Am Totensonntag hatten wir 16 Personen hier“, erinnert sich Schultz-Hamster.

Sechs Betreuerinnen sind es, die sich immer am dritten Sonntag des Monats um die Trauernden kümmern. Immer, das heißt in diesem Fall auch immer, erklärt Thiel: „Wir machen keine Sommerpause – das macht die Trauer schließlich auch nicht.“ Jeder im Team hat seine Aufgaben: Kuchenspenden und Schlüssel abholen, die Gesprächsleitung übernehmen – oder die Dekoration des Familienbüros. Zu der zählen auch Kerzen an jedem Platz. Sie sind ein wichtiges Ritual: „Jeder zündet für den Verstorbenen eine Kerze an“, erklärt Schultz-Hamster. Wer will, sagt den Namen desjenigen, der ihm so fehlt.

Während des Nachmittags kann dann jeder seiner Trauer freien Lauf lassen – und zwar so, wie er möchte. Weinen. Reden. Schweigen. Essen und Trinken. Lauschen. Manchmal lesen Leiter oder Teilnehmer einen mitgebrachten Text vor. Gespräche entwickeln sich. „Man muss manchmal darauf achten, dass Leute mit großem Mitteilungsbedürfnis nicht unbewusst dafür sorgen, dass andere nicht zu Wort kommen“, erklärt Thiel.

Bei manchen der Teilnehmer dauert es Wochen, bei manchen Monate, bei anderen Jahre – aber: Es bewegt sich etwas. „Die Trauer verändert sich“, hat Thiel beobachtet. „Das ist schön zu sehen.“ Oft genug ist diese Veränderung ein mühevoller Prozess. „Da achtet man dann auch auf kleine Nuancen, auf einen neuen Halbsatz“, sagt Schultz-Hamster.

Die sechs Organisatorinnen wissen, worauf sie achten müssen – sie sind ausgebildete Trauerbegleiterinnen. „Das ist im Zuge der ganzen Hospizbewegung stark im Kommen“, erklärt Inge Barthes, Vorsitzende des Vereins „Hospizarbeit Springe“.

Sie und ihr Café-Team wissen aber auch, wie schwer es Freunde, Nachbarn und Familienmitglieder manchmal denjenigen machen, die trauern. „Da wird dann gesagt: ‚Bist Du denn immer noch nicht wieder auf dem Damm?‘“, weiß Schultz-Hamster. „Das trifft und verletzt, manchmal jahrelang.“

Aber es ist nicht immer nur alles traurig im Trauercafé. Hier wird gelacht, wenn die Teilnehmer witzige Erinnerungen austauschen. Hier werden Auswege gezeigt, Zweifel geteilt – am Leben, am Glauben. „Das ist hier ein geschützter Raum, wir sind zum Schweigen verpflichtet“, betont Thiel. Zwar sitzt die Runde im Ladenlokal des Familienbüros – aber die Jalousien werden runtergefahren, die Stellwände kommen in Position. Geschützt, geschlossen – aber gleichzeitig offen: „Wir kündigen unser Treffen draußen an der Tür an – jeder kann spontan reinkommen“, sagt Thiel. Der Trauernachmittag endet nach zweieinhalb Stunden. Zum Schluss gibt es noch einmal Musik, ein Gebet oder ein gutes Wort für die Teilnehmer. Dann bläst jeder seine Kerze aus.

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