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Im Visier des iranischen Geheimdienstes

VÖLKSEN. Sich im privaten Umfeld kritisch über Missstände zu äußern, ist eine Sache. Über die Missstände zu schreiben, eine ganz andere. Hassan M. M. Tabib hat Letzteres gemacht. Immer wieder. Und das hat das Leben des gebürtigen Teheraners, der heute in Völksen lebt, grundsätzlich verändert.

Schreiben hat sein Leben verändert: Hassan M. M. Tabib lebt und arbeitet in Völksen. Foto: Mischer
Mischer

Autor

Ralf T. Mischer Redakteur zur Autorenseite

Bis heute schreibt er über die Lage in seinem Geburtsland, über die Folgen von viel Glauben und zu wenig Streitkultur. Jetzt hat Tabib ein neues Buch veröffentlicht.

Der Roman, der vor ihm auf dem großen Wohnzimmertisch neben der Teetasse liegt, heißt „Flucht aus dem Gottesstaat“. Es ist ein Werk aus der Feder des 76-Jährigen. Aber es könnte auch die Überschrift über das Leben des Völkseners sein: Er studierte in Teheran Literaturwissenschaft und Journalismus, arbeitete anschließend als freier Journalist für mehrere Tageszeitungen in der iranischen Hauptstadt. Und musste das Land 1964 verlassen.

„Die Schah-Regierung mochte meine Berichte nicht“, sagt Tabib. Als Dissident kam er nach Deutschland, lebte zunächst in Frankfurt am Main, später zog es ihn für ein Informatik-Studium weiter in die Vereinigten Staaten. Seit 1981 wohnt der gebürtige Iraner in Völksen: „Das ist jetzt meine Heimat.“ Und seit er im Ruhestand ist, geht er wieder seiner Passion, dem Schreiben, nach. Seiner Liebe, wie er sagt. Die meisten Leser, hat er, wie er selbst sagt, in den USA. „Der Grund ist ganz einfach: Dort leben die meisten Exil-Iraner.“ Folgerichtig schreibt Tabib auch zuerst in englischer Sprache, erst danach folgt die deutsche Version.

In seinen Romanen geht es um das Leben unter den Mullahs, um Unterdrückung unter dem Vorwand des Glaubens, beschränkte Freiheiten, Korruption und darum, wie sich das einzelne Individuum dagegen auflehnt.„Ich schreibe, welche Folgen es hat, wenn die Politik durch die Religion bestimmt wird“, sagt der Autor. Natürlich habe das auch mit seinem persönlichen Gefühl gegenüber seinem Geburtsland sowie mit den Erfahrungen zu tun, die er dort gemacht habe. Da ist es auch folgerichtig, dass er keine Sachbücher schreibt, sondern im besten Sinne unterhaltsame Romane, die der Leser als spannende Thriller oder als kulturelle Bestandsaufnahme begreifen kann, stets spannend und dabei doch auch immer politisch.

In seinem jüngsten Werk „Flucht aus dem Gottesstaat“ geht es um einen jungen Mann, der im Jahr 1973 den Sturz des Schahs und den Aufstieg der religiösen Eiferer unter Ruhollah Musawi Chomeini erlebt. Die strengen Gesetze während der Islamischen Revolution von 1979 erträgt er nicht, bleibt aber dennoch und studiert, erhält schließlich eine Aufgabe im Ölministerium. Dort entdeckt er unglaubliche Dinge, die die Steinzeit-Moralvorstellungen der Mullahs in einem ganz neuen Licht erscheinen lassen: Das Ölembargo, das von der Internationalen Gemeinschaft wegen des iranischen Atomprogramms verhängt wurde, trifft nur die einfachen Bürger. Die Mullahs aber und Präsident Mahmud Ahmadinedschad verkaufen das Öl an der Opec vorbei nach Fernost. Das Geld fließt in die Taschen der Machthaber. Als der Protagonist das erkennt, will er das Land endgültig verlassen. Aber er weiß zu viel...

„Ich habe wegen meiner Bücher schon jede Menge Drohungen bekommen“, sagt Tabib mit Blick auf sein Werk, darunter auch Morddrohungen. „Das ist mein Berufsrisiko als Autor“, kommentiert er dazu lapidar, nippt an seinem Tee. „Irgendjemand muss den Mund ja aufmachen. Und, ganz ehrlich, was kann mit 76 Jahren noch passieren?“

Seit seinem dritten Roman steht er auf der Geheimdienstliste des Iran. Eine Einreise in sein Geburtsland ist ihm nicht mehr möglich, „ich bin ja nicht lebensmüde“. Dabei würde er ja gern zurück zu seinen Wurzeln gehen, um zu sehen, wie alles war und wie es sich verändert hat. „Dass das nicht möglich ist, das belastet mich“, räumt der Völksener ein. Aber der Lohn seiner Veröffentlichungen, die positiven Reaktionen seiner Leser, die sind es Tabib wert. „Ich habe eine Menge Mails und Briefe von Exil-Iranern, die das, was ich tue, wichtig finden.“

Für seine Recherchen, das sind nicht nur Gespräche mit anderen Dissidenten, reist er um die ganze Welt. Völksen nennt er seine Heimat. „Ich fühle mich sehr wohl hier, mir gefällt die tolle Landschaft und die Menschen sind mir sehr genehm.“ Zum Sport geht er jeden Tag in ein Fitnessstudio – gemeinsam mit seiner Frau. Mit ihr hat er drei Kinder großgezogen, die haben mittlerweile sechs Enkelkinder. „Unsere gesamte Familie fühlt sich wohl in Deutschland.“

Gelesen werden kann sein Buch offenbar auch im Iran selbst. Dort kann es über Buchportale nach wie vor normal bestellt werden. „Eine ehemalige Schulkameradin von mir hat mich mal kontaktiert – und mir gesagt, dass sie einen meiner Romane gelesen habe. Das hat mich sehr berührt.“

Denn die Rolle der Frau im Iran, die ist eines seiner zentralen Themen, um die es in all seinen Texten geht. An die Reformfähigkeit des Islam glaubt Tabib nämlich nur begrenzt, seine Hoffnungen auf eine Öffnung des Landes Richtung Moderne richtet er dabei in erster Linie an die Frauen: „Die werden früher oder später moderner, vielleicht gelingt es ihnen dann auch, die Männer zu erziehen.“

Der Völksener hofft, dass seine Bücher dazu beitragen können, diesen Prozess in seinem Geburtsland ein Stück zu beschleunigen.

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