weather-image
15°

IHK-Experte über Herausforderungen für Springes Einzelhandel

SPRINGE. Einzelhändler reden übers Internet, die Politik redet über das Einzelhandelskonzept und Kunden hoffen auf den Bau des Einkaufscenters. Über Herausforderungen für den Einzelhandel sprach Ralf T. Mischer mit Guido Langemann, Abteilungsleiter für Handel und Dienstleistungen der Industrie- und Handelskammer.

Der Einzelhandel in Springe kämpft gegen das Internet – und gegen Mitbewerber im nahen Hannover und Hameln. FOTOS: MISCHER
Mischer

Autor

Ralf T. Mischer Redakteur zur Autorenseite

Muss der heimische Handel Amazon und Co. fürchten?

Der heimische Einzelhandel muss sich nur vor den Kunden fürchten, – aber ganz sicher nicht vor dem Internet. Das Internet ist letztlich nur ein Werkzeug, das sich der heimische Handel nutzbar machen muss. Allerdings muss er auch wirklich aktiv werden. Denn das Internet wird nicht wieder weggehen.

Wie kann ein Schuhverkäufer in Springe das Internet denn für sich nutzen?

Es gibt da verschiedene Möglichkeiten. Zunächst einmal muss man online auffindbar sein. Wer nicht im Internet ist, der existiert quasi nicht. Zumindest eine Visitenkarte, sprich eine Homepage, muss jeder Händler haben. Die zweite Möglichkeit ist eine Art Vitrinenfunktion: Damit kann man seine Ware zumindest mal im Netz zeigen, ohne sie gleich verkaufen zu müssen. Und die dritte Option, das hat dann aber schon ein bisschen was von Champions-League, das ist dann der Verkauf.

Ein eigener Online-Shop?

Ja genau. Aber da muss jeder Händler seinen eigenen Weg finden. Ein eigener Online-Shop ist mit sehr viel Aufwand verbunden und deswegen bei bestem Willen nicht für jeden geeignet. Jeder Händler muss sich überlegen, ob ein solcher Shop für ihn eine sinnvolle Ergänzung darstellt. Aber vorher fängt es immer mit der Sichtbarkeit im Netz an.

Wenn ich bei Google nach Schuhen in Springe suche, dann sollte ich als Schuhhändler in der Suchmaschine schon auftauchen?

Ja, wenn der Kunde überhaupt noch Google nutzt – und nicht schon Amazon. Dann spielt Springe schon keine Rolle mehr. Die Startseite für das Einkaufen im Netz ist nicht mehr Google, sondern Amazon.

Und da ist der heimische Schuhhändler dann abgeschnitten?

Ob man einem lokalen Schuhhändler empfehlen sollte, zu Amazon zu gehen – das ist grenzwertig. Da mag es ganz wenige geben, die davon profitieren könnten. Vielleicht kann man über Ebay als heimischer Händler sein Produkt noch eher vertreiben als über Amazon. Alle anderen müssen darauf vertrauen, dass der Kunde tatsächlich noch über Google recherchiert.

Dann ist man noch im Geschäft?

Ja, wenn man vorne in der Trefferliste auftaucht. Es nützt gar nichts, eine tolle Homepage zu erstellen, die dann im digitalen Nirwana verschwindet. Der Händler muss auch dafür Sorge tragen, dass man bei Google gefunden wird. Dafür braucht man vermutlich externe Unterstützung und hier könnten für die lokale Händlerschaft Workshops angeboten werden, damit man gemeinsam von dem Know How profitieren kann.

Also ist Zusammenarbeit angesagt?

Ja, es wäre ein Desaster, wenn die lokalen Händler sich nicht zusammenfinden könnten, um bei solchen wegweisenden Themen zu kooperieren.

Wie groß ist das Risiko?

Zehn Prozent des Handels finden derzeit online statt, wobei es große Unterschiede in den einzelnen Branchen gibt. : Lebensmittel ein Prozent, Elektronikartikel 30 Prozent und Mode liegt bei 20 Prozent. Aber wenn es einem Händler nicht so gut geht, dann reicht schon ein kleiner Umsatzrückgang und schon ist der Händler verschwunden. In der Folge wird es dann mehr Leerstände geben.

Ihre Prognose?

Der Internetanteil von jetzt zehn Prozent wird wachsen. Allerdings waren die Steigerungsraten für den Online-Handel zuletzt gesunken. Der Onlinehandel wird auch insbesondere in den Lebensmittelbereich eindringen. Hier ist nicht die Frage, ob das geschieht, sondern nur noch wann und in welchem Umfang.

Und dass das geschieht, liegt auch immer an den Kunden. Digital-Natives, die jetzt erwachsen werden, sind es gar nicht mehr gewohnt, stationär einzukaufen. Ich selbst musste mich erst mühsam daran gewöhnen, dass man auch online einkaufen kann. Für unsere Kinder ist das ganz normal. Die müssen ganz im Gegenteil erst auf den Gedanken gebracht werden, zum Einkaufen in die Stadt zu gehen.

Kann man annehmen, dass Einzelhandelsunternehmen in zentraler Lage eher der Anlaufpunkt werden?

Die Innenstädte in den großen Zentren werden die Profiteure sein, weil da das Angebot auf Dauer gut bleiben wird. Aber bereits in den Randlagen der Oberzentren steigt das Risiko für Leerstände. In Springe gibt es viele schöne Händler und ein gutes Angebot. Aber es fehlt an Magnetbetrieben. In Hannover gibt es zum Beispiel Primark. Dafür fahren vor allem jüngere Kunden schon mal 100 Kilometer. Und dann stellen die noch fest, dass auch rechts und links von Primark etwas ist.

Fehlt sowas in Springe?

Hier gibt es ein paar sehr schöne Betriebe – aber nicht so viele und nicht so namhafte, die den Impuls auslösen, dass die jüngeren Leute in die Innenstadt gehen.

Das kann man doch schlecht steuern als Stadt?

Höchstens wenn ich die nötigen Flächen zur Verfügung stellen kann. Manchmal sind die Verkaufsflächen in der Innenstadt einfach zu klein. Wenn man es dann schafft, Gebäude so zusammenzulegen, dass eine ordentliche Größe zusammenkommt, dann kann man vielleicht über das Angebot an Fläche Ansiedlungen ein Stück weit steuern.

Gibt es Möglichkeiten, solche Steuerungsmöglichkeiten zu verbessern?

Ein Einzelhandelskonzept steht da ganz oben auf der Liste. Da ist Springe auf einem richtig guten Weg gewesen – und hat dann leider abgebrochen. Ein Einzelhandelskonzept soll ja aufzeigen, wo man hin möchte. Das Einzelhandelskonzept jetzt endlich zu verabschieden, wäre sicherlich ein sehr sinnvoller Weg, um das gemeinsame Ziel zu definieren.

Da braucht es die Gemeinsamkeit der Händler. Durch ein solches Konzept könnten sich einige benachteiligt fühlen, Stichwort Sortimentsbeschränkung?

Hier in Springe hat man vor 20 Jahren entschieden, die grüne Wiese zu stärken. Zu dem Zeitpunkt hat man vom Internet vielleicht am Rande gesprochen. Das Fachmarktzentrum hat viele Anbieter, die sicherlich besser in der Innenstadt aufgehoben wären. Die fehlen dort jetzt schlicht als Magnetbetriebe. Durch die Ansiedlung an der Osttangente wurde der Einzelhandel in der Innenstadt schon ein wenig weich gekocht. Und nun wird er gerade durch das Internet sturmreif geschossen. Jetzt muss sich die Stadt überlegen, ob sie das will. Wenn man jetzt nicht gegensteuert, muss man damit rechnen, dass die Innenstadt weiter an Bedeutung verlieren wird.

Was würde das bedeuten?

Es droht ein Attraktivitätsverlust. Wenn man an der Osttangente einkauft, dann macht man das, um seine Grundbedürfnisse zu befriedigen. Man braucht etwas zu essen, man braucht Kleidung und ein paar Kosmetika. Da fährt man hin, kauft ein und fährt wieder weg. Wenn ich in die Stadt gehe, dann will ich natürlich auch einkaufen. Aber ich will vielleicht auch eine gute Zeit verbringen. Das ist eine ganz andere Motivation.

Das Gegenteil von dem, was das Internet kann.

Es ist die große Stärke des Handels und der Innenstädte, dass man dort soziale Kontakte haben kann. Und die stehen gerade auf dem Spiel. Wenn in der Innenstadt nichts mehr ist, dann geht da auch keiner mehr hin. Und Springe würde zu einer reinen Schlafstadt werden.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare