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Sieben Wochen nach Eröffnung des Fachmarktzentrums beklagen Innenstadt-Händler Umsatzrückgänge

„Ich hatte schon einige schlaflose Nächte“

Springe (mf). Sieben Wochen nach Eröffnung des Fachmarktzentrums an der Osttangente zeichnen sich die Auswirkungen auf die Innenstadt deutlich ab. Viele Geschäftsleute im Zentrum sehen ihre Befürchtungen bestätigt. Sie beklagen teilweise massive Umsatzrückgänge.

Jens Stummeier, Inhaber eines Fernseh- und Radiogeschäftes am Ba

„Ich habe schlaflose Nächte“, bekennt Fernsehmeister Jens Stummeier. Der Inhaber eines Fachgeschäfts am Bahnhof bekommt die neue Konkurrenz durch den großen Expert-Markt jeden Tag aufs Neue zu spüren. Im unteren Preissegment, wo sich das Massengeschäft abspiele, sei der Verkauf von Fernsehern fast völlig weggebrochen. „Das tut sehr weh.“

Um einigermaßen mithalten zu können, hat Stummeier den nach seinen Worten „aggressiven Kampf“ angenommen und seine Preise denen des viel größeren Rivalen angepasst. Mehr als er eigentlich verkraften kann. „Das geht jetzt nur noch auf Kosten der Marge und damit meines Einkommens“, sagt der Handwerksmeister. Glücklicherweise habe er noch einen treuen Stamm überwiegend älterer Kunden, die großen Wert auf fachkundige Beratung, Service und Komfort legten und gern bereit seien, dafür auch etwas tiefer in die Tasche zu greifen. „Sonst sähe es sehr düster aus“, so Stummeier.

„Viele Kunden bleiben einfach weg.“ Diese bittere Erfahrung hat nach der Eröffnung des Fressnapf-Discounters auch Daniela Greth in den vergangenen Wochen machen müssen. Bei einigen Sortimenten habe sie früher wöchentlich nachbestellen müssen, jetzt reiche es alle vierzehn Tage, berichtet die Inhaberin einer Zoohandlung am Niederntor.

An ihren Preisen könne es nicht liegen. „Die sind nicht höher als an der Osttangente“, hat sie bei einem Vergleich festgestellt. Grund seien wohl eher die dort deutlich besseren Parkmöglichkeiten. „Die Leute können mit dem Auto vorfahren und das Tierfutter sackweise einladen“. Das sei am Niederntor angesichts der begrenzten Stellflächen nur mit viel Glück möglich.

Wie Stummeier und Greth ist auch Unternehmer Heiko Schnelle (Elektro Schnelle) der Auffassung, dass das Fachmarktzentrum auf der grünen Wiese „schädlich für die Innenstadt ist“. Auch er hat nach eigenen Angaben bereits Kunden verloren – im Gegenzug aber immerhin auch einige neue hinzugewonnen. „Die kamen jetzt plötzlich, um Preise zu vergleichen – und sind hier geblieben, weil wir sie mit unserem Service überzeugen konnten.“ Nichtsdestotrotz ist Schnelle überzeugt: „Das Fachmarktzentrum hätte kleiner geplant oder aber dichter an die Innenstadt angebunden werden müssen.“

„Wir haben schon Ende der 1990er-Jahre vor den Folgen eines solchen Marktzentrums gewarnt“, erinnert Erhardt Bormann, Vorsitzender der Händlergemeinschaft WIR und selbst Ladeninhaber. Er sagt: „Ich kann die Klagen der Kollegen sehr gut nachvollziehen.“ Schon mit dem Bau des E-Centers sei es in der Altstadt deutlich ruhiger geworden. Der Effekt habe sich jetzt noch einmal verstärkt.

„Leider“, bestätigt Ruta Gudduscheit, die seit eineinhalb Jahren das Café-Bistro Ruta’s am Markt betreibt und mit großer Euphorie gestartet war. In jüngster Zeit sei die Gästezahl deutlich zurückgegangen. Viele ihrer Kunden hätten offen eingeräumt, seit Bestehen des Einkaufszentrums seltener in die Stadt zu kommen als früher. Wenn ihr Herz nicht so sehr an dem Café hängen würde, hätte sie bereits eine Aufgabe in Erwägung gezogen, bekennt Gudduscheit.

„Wir müssen aufpassen, dass nicht noch mehr wegbricht – sonst ist hier alles tot“, sagt Bormann. Viele Geschäftsleute blicken etwa mit Sorge auf den Drogeriediscounter Rossmann an der Fünfhausenstraße, der mit dem dm-Markt ebenfalls einen starken Konkurrenten an der Osttangente bekommen hat. Rossmann gilt derzeit noch als vielleicht letzter Frequenzbringer im Zentrum. Von seiner Sogwirkung profitieren bislang viele kleine Geschäfte rund um den Markt. Doch wie lange noch? Nicht nur Erhardt Bormann fürchtet: „Wer sich draußen als Kunde eindeckt, kommt nicht länger in die Stadt.“

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