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Doppelter Abijahrgang wirkt sich verzögert aus / Erfolge für Hauptschüler durch Berufspraxis

Heimischer Ausbildungsmarkt im Wandel

Springe/Hameln. Es hätte schlimmer kommen können für die 249 Schüler, die am Otto-Hahn-Gymnasium in diesem Sommer ihre Reifeprüfung geschafft haben: Auf dem lokalen Ausbildungsmarkt hat sich der doppelte Abijahrgang nicht wie befürchtet bemerkbar gemacht.

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Autor:

Markus Richter

Gestern stellte die für Springe und Bad Münder zuständige Agentur für Arbeit in Hameln in einer Pressekonferenz die Bilanz des Berufsberatungsjahres vor. Einen „Verdrängungswettbewerb“ haben die Experten nicht bemerkt. „Die Auswirkungen sind spürbar – allerdings anders als erwartet“, sagte Thorsten Tümmermann, Teamleiter der Berufsberatung. Demnach würden die meisten Abiturienten eher auf ein Studium zusteuern, als auf den Lehrstellenmarkt zu drängen. „Es ist ein ehrgeiziger Jahrgang“, haben Tümmermann und seine Kollegen in vielen Gesprächen festgestellt. Viele würden nun allerdings eine Auszeit im Ausland nehmen oder Alternativen wie ein freiwilliges soziales Jahr der klassischen oder der dualen Ausbildung bevorzugen. Die Folge: Der doppelte Abijahrgang würde sich im nächsten oder übernächsten Jahr dann doch auswirken.

Zum Stichtag 1. September standen in Springe und Bad Münder 188 Bewerbern 108 gemeldete Lehrstellen in Betrieben gegenüber. „Allerdings pendeln viele Springer nach Hannover“, weiß Agentursprecherin Christina Rasokat. Im gesamten Agenturbezirk wurden 2514 Stellen gemeldet, 163 mehr als im Vorjahreszeitraum, es gab 3128 Bewerber.

Unterdessen befindet sich der Ausbildungsmarkt im Umbruch – und bietet Haupt- und Realschülern größere Chancen als je zuvor. „Wir können uns auch nicht erlauben, eine ganze Schulform zu verlieren“, machte Ursula Rose, Vorsitzende der Geschäftsführung, deutlich. Das Neustädter Modell etwa, das auch in Springe zwischen BBS und Gerhart-Hauptmann-Schule erfolgreich verläuft, wirkt sich spürbar aus. „Wenn die Betriebe erst einmal Kontakt zu den Schülern haben, bauen sie oft Vorurteile ab“, sagt Rose.

15 Schulen im Agenturbezirk sind in ein solches Programm eingebunden, 20 in der Region. Was es in Springe nach Agenturangaben noch nicht gibt: Berufseinstiegsbegleiter, die Benachteiligte an die Hand nehmen und bis ins Arbeitsleben begleiten. Tätig sind dann etwa Sozialpädagogen oder Handwerksmeister, ihre Zielgruppe sind Haupt- oder Förderschüler.

Und die Realschüler? Deren Anteil auf dem Ausbildungsmarkt sinkt. Stattdessen bevorzugen viele auch ohne erweiterten Abschluss eine schulische Alternative: die Fachoberschule, wie es sie auch an den Springer BBS gibt. Wer sie nach zwei Jahren erfolgreich durchlaufen hat, erlangt die Fachhochschulreife und damit die Studienberechtigung.

Ein Wandel ist auch in den Chefetagen der Betriebe spürbar: Während es sich große Unternehmen weiterhin erlauben können, ihre Anforderungen hochzuhalten, öffnen sich Mittelständler oder Kleinfirmen auch Probanden, die in der Schule vielleicht nicht immer so gut aufgepasst haben. „Früher blieben Lehrstellen oft unbesetzt, jetzt bemühen sich vor allem Handwerk und Handel sehr“, lobte Rose. Ein Umdenken in Zeiten des Fachkräftemangels: Betriebe stehen ihren Azubis mehr zu Seite, schauen auf die Potenziale der Bewerber – und sind damit erfolgreich.

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