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Gasthof Schwägermann, die Scorpions und andere Promis

BENNIGSEN. Hier waren sie alle: Rudolf Schenker, Andre Jackson oder den Prinz von Hannover. Was sie gemeinsam haben? Sie waren zu Besuch bei Schwägermann. Jetzt soll der Gasthof geschlossen, das altehrwürdige Fachwerkgebäude abgerissen werden. Bevor es soweit ist, öffnet Chef Stefan Schwägermann für die Neue Deister-Zeitung sein Archiv.

Autogramme, Fotos, Gästebucheinträge: Ein Blick in das Archiv von Stefan Schwägermann. Ein Höhepunkt: die Auftritte der Scorpions, etwa 1969.
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Saskia Helmbrecht Redakteurin zur Autorenseite

Gerade einmal 215 Deutsche Mark Gage hat er gekostet, der Auftritt der „Scorpions“ am 10. Mai 1969 in Bennigsen: Gekommen war die Urbesetzung der Band mit Bernd Hegner, Wolfgang Dziony, Lothar Heimberg, Rudolf Schenker sowie Ulrich Worobiec. Zum Vergleich: Heute werden alleine für eine Konzertkarte schon mal 70 Euro fällig.

„Beim Aufräumen im Lager haben wir viele alte Ordner und sogar alte Verträge der Bands gefunden“, sagt Schwägermann, der den Gasthof in siebter Generation leitet.

Das Familienunternehmen soll es bereits seit 1859 geben – in dieser Zeit ist viel passiert. Auch die Gruppe „The Smoke“ hat schon in Bennigsen gespielt, eine britische Rock-Band, die 1967 mit dem Song „My Friend Jack“ berühmt wurde. „An jedem Wochenende war hier was los – die Hütte war mit 300 bis 500 Besuchern voll“, sagt Schwägermann.

Nicht nur musikalisch zog es die Künstler nach Bennigsen. Anlässlich der Dreharbeiten zum Film „Regina Amstetten“ übernachteten die Schauspieler, etwa Harry Meyen, im Gasthof Bennigsen.
  • Nicht nur musikalisch zog es die Künstler nach Bennigsen. Anlässlich der Dreharbeiten zum Film „Regina Amstetten“ übernachteten die Schauspieler, etwa Harry Meyen, im Gasthof Bennigsen.
Musiker, Schauspieler, Prinzen – und die Sportler: 2010 bedankt sich der Bundesliga-Profi Leon Andreasen für den Aufenthalt – natürlich auf dänisch.
  • Musiker, Schauspieler, Prinzen – und die Sportler: 2010 bedankt sich der Bundesliga-Profi Leon Andreasen für den Aufenthalt – natürlich auf dänisch.

Früher befand sich in dem 1966 neu gebauten Saal sogar eine Disko. Der Vorgänger des Veranstaltungsplaners „Hannover Concerts“ hatte sich immer wieder an die Familie gewandt, wenn Bands gerade so im Kommen waren und auftreten wollten – so hatte die Geschichte auch bei den „Scorpions“ angefangen, die 1965 in Sarstedt vom Gitarristen Rudolf Schenker und dem Schlagzeuger Wolfgang Dziony gegründet wurden und heute zu den erfolgreichsten und langlebigsten Bands der internationalen Musikgeschichte gehört. „Mit dem Erfolg, glaube ich, haben die Künstler damals selbst nicht gerechnet“, vermutet Schwägermann. ESC-Kandidatin Jamie-Lee Kriewitz, das Oberkärntner Sextett mit Joze Burnik oder „The Coffin Beats“ – an Musikrichtungen mangelte es hier nie.

Nicht nur zahlreiche Musiker standen im Gasthof auf der Bühne – auch einige Prominente übernachteten im Gasthof, zeigt ein Blick in das Gästebuch. Als 1953 Teile des Films „Regina Amstetten“ in Bennigsen gedreht wurden, mussten natürlich auch die Schauspieler eine Unterkunft finden– und wo ging das besser als vor Ort?

Luise Ullrich, Willy Eichberger oder auch Carl Raddatz – sie alle waren bei Schwägermann und verewigten sich natürlich auch im Gästebuch. Auch Fußballgrößen wie der Ex-96-Profi Leon Andreasen, 96-Zeugwart Mille Gorgas oder Nelson Valdez, der für die paraguayische Nationalmannschaft spielt, schliefen am Deister. „Bei dem Besuch von Andreasen war Hannover 96 2010 sogar auf dem zweiten Tabellenplatz“, erinnert sich Schwägermann.

Weiterer Höhepunkt: der Besuch von US-Baseball-Spieler Andre Jackson. In Bennigsen sprach der auch gleich noch über seine schauspielerische Karriere – als Double im Film „Die Indianer von Cleveland“. Besonders in Erinnerung bleibt den Schwägermanns aber der Besuch des Prinzen von Hannover. Anlässlich der Hochzeit von Ernst August von Hannover und Chantal von Hannover 1981 musste die Familie des royalen Paars in der Region unterkommen. Zur Zeit des RAF-Terrors mussten sich die Promis verstecken – und zwar im Gasthof Schwägermann. Als Ernst-August von Hannover seine Gäste in Bennigsen persönlich anmeldete, konnte die Familie ihren Augen nicht trauen – und saß am Ende mit dem Besuch am Tresen und trank gemeinsam ein Bier. Sogar große Reden wurden geschwungen – etwa von Wilfried Hasselmann, Niedersachsens langjährigem CDU-Chef und früherem Innenminister. „Ein geiler Haufen“ schrieb Comedy-Klempner „Schüssel-Schorse“ in das Gästebuch der Bennigser.

Schwägermann blickt mit Wehmut zurück: „Die Mentalität hat sich geändert. Früher war es einfacher, Bands zu bekommen. Heute müssen es gleich Lichteffekte und eine riesige Show sein, die viel Geld kostet. Die Leute wollen immer mehr und wir haben das Problem, es bezahlen zu müssen.“ Auch die Ansprüche an Übernachtungen seien gestiegen. „Einiges geht in einem über 200 Jahre alten Gebäude nicht.“ Sein Eindruck: „Bennigsen mutiert zum Schlafort von Hannover.“

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