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Fahrkarten am Bahnhof? Nur noch aus dem Automaten

Peter Meyer war die letzte Hoffnung der Region auf die persönliche Note: In seinem Reisebüro verkaufte er Bahntickets - direkt am Bahnhof. Jetzt macht er zu. Und lässt Bahn und Region ratlos zurück.

Peter Meyer räumt sein Reisebüro im alten Springer Bahnhofsgebäude — an einen Nachfolger glaubt er nicht. FOTO: WEIßLING
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Katharina Weißling Redakteurin zur Autorenseite

SPRINGE. Eine Tageskarte nach Hannover, einmal nach Büsum und zurück mit zwei Personen mit Platzreservierung. Fahrkartenverkäufe wie diese waren das Brot- und Buttergeschäft des Reisebüros im privatisierten Springer Bahnhofsgebäude. Damit das so bleibt, subventionierte indirekt sogar die Region das Agenturgeschäft. Vergeblich: Heute Nachmittag schließt die Firma. Übrig bleibt erst mal nur der Fahrkartenautomat.

„Für uns kam die Kündigung des Betreibers sehr überraschend“, sagt Bahnsprecherin Sabine Brunkhorst dazu. Dafür habe es keinerlei Anzeichen gegeben. „Wir suchen jetzt einen Nachfolger“, informiert sie und verweist auf ein zweites Reisebüro, das an der Burgstraße etwa 700 Meter vom Bahnhof entfernt einen vergleichbaren Service bietet. Wie, wann und mit welchem Geschäftsmodell es am Bahnhof weitergehen könnte, lässt sie offen. Der erfahrene Reiseverkehrskaufmann Peter Meyer, bis heute Betreiber des Reisebüros ist skeptisch: „Wer soll das machen, wenn ich es schon in 12 Jahren nicht geschafft habe, davon zu leben?“

Zu 80 bis 90 Prozent hatte er Nah- und Fernverkehrskarten verkauft, daneben blieb wenig Raum für klassische Touristik, also Reisen aus dem Katalog. Die Provisionen waren die einzigen Einnahmen des Geschäfts. Auf der Kostenseite standen Miete, private Krankenversicherung, Bürobedarf und monatliche Kosten für das Buchungssystem der Deutschen Bahn. Sogar Nebenkostenrechnungen für die Bahnsteigbeleuchtung hatte er anfangs zu zahlen.

„Ich brauche jetzt erst mal ein bisschen Abstand“, sagt der gescheiterte Geschäftsmann. So euphorisch er als Jungunternehmer gestartet war, so wenig Glück hat der Sprung in die Selbstständigkeit ihm gebracht. „In den letzten Jahren bin ich mit Magenschmerzen zur Arbeit gegangen“, sagt der 50-Jährige.

Stets korrekt gekleidet und freundlich, so habe er die Bahn- und S-Bahnkunden beraten. Eigene längere Urlaubsreisen: Fehlanzeige. Ausfall durch Fieber, Grippe und dergleichen, das erlaubte er sich höchstens mal ein paar Stunden. Tageweise so gut wie nie, berichtet Meyer. „Das hat nicht reingepasst, in ein Geschäft, wo es einem schon übel genommen wird, nicht auf die Minute pünktlich aufzuschließen.“ Also brachte er auch mit Hexenschuss größte Disziplin auf. Fast zehn Zertifikate der Deutschen Bahn an der Wand verweisen ausdrücklich auf die Qualität und Beratungskompetenz Meyers. „Das wurde bis zu dreimal im Jahr geprüft“, sagt er.

Offenbar ist das Geschäft vor allem mit Kunden, die noch schnell ihre Bahn erreichen wollen oder zutiefst verärgert sind, kein leichtes. „Ich bin hier schon als Arschloch beschimpft worden, wenn ich eine ausführlichere Reiseberatung nicht für Kartenverkäufe unterbrochen habe und eine frühere Praktikantin aus den gleichen Gründen als Schlampe“, erzählt Meyer. „Im Grunde war das Büro hier immer am meisten gefragt, wenn irgendetwas, für das ich keine Verantwortung hatte, nicht funktionierte“, stellt Meyer fest. Er beschwichtigte und erklärte, so gut er konnte, eine Arbeit, die auf der Einnahmenseite allerdings keinen Unterschied machte. Besser geworden sei der Umgangston, als er vor ein paar Jahren eigene Möbel anschaffte und das Büro umgestaltete. An der Wand sowie auf seiner privaten Visitenkarte lockt ein Südseestrand mit feinem weißem Sand, tiefblauem Meer und zwei Liegestühlen unter einem Sonnenschirm zu Urlaubsträumen.

Meyer selbst hätte sich das nicht leisten können. „Ich habe hier reingebuttert und wenn ich das so erzähle, sind die meisten erstaunt, dass ich das so lange durchgezogen habe“, berichtet er. Stück für Stück fällt die Anspannung der letzten Jahre von ihm ab.

„Für die vielen älteren und sehr netten Stammkunden tut es mir leid, zu schließen“, sagt er. Diejenigen, denen er es gesagt habe, wünschten ihm allerdings Glück. Für die jüngeren gelte: „Ob ich hier sitze oder in Hamburg eine Stuhl umfällt, ist eigentlich egal.“ Die meisten kämen mit dem Fahrkartenautomaten gut zurecht.

Für Peter Meyer persönlich scheint sich das Blatt tatsächlich zu wenden. „Ab dem 1. Juni arbeite ich in dem Reisebüro, an das ich meine Einrichtung verkauft habe“, freut sich der Noch-Unternehmer. Vorher genießt er freie Zeit auf der eigenen Gartenparzelle und macht den nötigen Papierkram, um im neuen Lebensabschnitt durchzustarten. „Ich bin froh, dass ich noch in die gesetzliche Krankenversicherung zurückwechseln kann“, ist einer der Punkte auf seiner To-Do-Liste. Nächste Woche räumt er auf, übergibt die Einrichtung, erledigt alles Erforderliche für eine besenreine Übergabe an den Vermieter.

Die Region Hannover bedauert, dass der persönliche Verkauf von Fahrkarten in Springe mindestens übergangsweise nicht mehr gewährleistet ist. Immerhin zahlt sie seit 2014 jährlich 8000 Euro an die Deutsche Bahn als Subventionierung der kleinen DB-Agentur. Die Vereinbarung gelte noch bis zum 13. Dezember 2020. „Uns wäre es lieber, wir könnten das einfach weiterzahlen und der Service bliebe erhalten“, betont Regionssprecher Klaus Abelmann.

In der Region profitieren aktuell noch zwei weitere kleine DB-Agenturen von dieser Subventionierung, die sich für sie in Form höherer Verkaufsprovisionen bemerkbar macht.

Jede von ihnen funktioniert allerdings mit etwas anderem Konzept. In der einen gibt es Zeitschriften und Naschwaren, die andere wird unter Federführung des Roten Kreuzes betrieben, erzählt Meyer. Für ihn kam das nicht in Frage: „Erstens gibt es hier schon einen Kiosk, zweitens wollte ich immer eine Reiseagentur betreiben und keinen Tante-Emma-Laden.

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