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Projekt im Wisentgehege läuft seit einem halben Jahr

Eindeutig nichts zu jaulen: „Jungen Wilden“ geht es gut

Alvesrode. Sie fressen ihm aus der Hand. Lassen sich liebkosen, lecken ihm durchs Gesicht oder an den Fingern. Jeden Tag ist Matthias Vogelsang bei den Wölfen, seinen Lieblingstieren, seinem Lebensmittelpunkt. Manchmal ist Ehefrau Birgit dabei oder Praktikantin Cornelia Schwan. Sie alle haben festgestellt: Das einzigartige Tierprojekt im Wisentgehege läuft bislang problemlos.

Er ist der Chef: Die Timberwölfe fressen Matthias Vogelsang aus

Autor:

Markus Richter

Den Tag beginnt der Experte bei seinem Rudel. Vogelsang ist hier der Ranghöchste, legt aber Wert auf die Feststellung, nicht als Leitwolf bezeichnet zu werden. „Dann würde ich mich mit den Weibchen paaren“, erklärt er lachend. Yakima, Tala, Akela und Nantan sowie Nodin und Claire sind ein verspielter Haufen aus vier Timber- und zwei Polarwölfen, inzwischen eine große Familie – und längst die Stars des heimischen Tierparks. Kamerateams filmen hier, jeder Besucher zückt seinen Fotoapparat. Kinder sehen mit offenen Mündern zu, wie die Wölfe ihr Futter genießen, das Fleisch reißen und es manchmal vergraben. „Am liebsten machen sie das in der Nähe des Zauns“, hat die 25-jährige Schwan festgestellt. So manchen Wolfsfreund hat sie bemerkt, der durch den Zaun fasste. „Das verstehen die Tiere nicht, sie glauben, die Menschen wollen ihnen das Futter wegnehmen.“ Also wurde vor dem Zaun noch eine zusätzliche Absperrung errichtet. Vogelsang weiß: „Ein negatives Erlebnis würde ausreichen, den Kontakt zum Menschen abzubrechen.“ Auch die Handaufzucht, wie sie der Fachmann und seine Frau seit einem halben Jahr betreiben, sei keine Garantie dafür, dass die Tiere ihre natürliche ausgeprägte Scheu ablegen. Allerdings: „Wenn Wölfe zahm wären“, sagt er, „dann wären sie Haushunde.“ Zwar gleichen sich die Arten in 99,8 Prozent der Gene, dennoch mache der Rest das Spezielle des Wolfes aus – unter anderem seinen Raubinstinkt.

Während der ersten Fütterung des Tages verbringt Vogelsang viel Zeit bei seinen Zöglingen. 750 Gramm Fleisch futtern die pro Tag und Tier. Der deftige Snack kommt aus dem Kühlhaus, manchmal noch angefroren, wie in der Wildbahn. Zur Abwechslung gibt‘s auch mal ein gefrorenes Huhn, um das sich zwei Tiere dann balgen. Erfahrung hat der Fachmann genug: 30 Wölfe hat er schon großgezogen.

Und die anfangs so tapsigen Welpen haben nach 28 beziehungsweise 22 Wochen eine stattliche Statur. Viele Veränderungen stehen im kommenden Jahr an, mit Beginn der Geschlechtsreife wird sich zeigen, wer welchen Rang einnimmt. „Das wird spannend.“ Das Rudel wird beginnen, unruhiger zu werden, aktiver. Momentan halten alle zusammen, spielen wie Kinder und zeigen keinerlei Auffälligkeiten. Auch die Besucher sehen: Den jungen Wilden geht es gut.

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  • Schlummerstunde: Dieser Polarwolf gähnt herzhaft – was nur gefährlich aussieht…
Das junge Rudel genießt die Streicheleinheiten, wenn Vogelsang d
  • Das junge Rudel genießt die Streicheleinheiten, wenn Vogelsang das Gelände betritt.

Einer der Höhepunkte im Tagesablauf ist der Spaziergang durchs Gehege. Wer Interesse hat, kann gegen eine Gebühr von 30 Euro einen echten Wolf eine Stunde lang an der Leine führen. Zur Finanzierung des Projekts bietet das Wisentgehege auch Fotogruppen an, in denen Besucher ganz nah ran können. Die Krönung sind Wochenend-Pflegertage. Da erleben Besucher den Alltag des Wolfvaters und seiner Rasselbande hautnah – inklusive Gehege säubern und füttern.

Die Wölfe genießen anscheinend die Aufmerksamkeit, haben aber genug Rückzugsmöglichkeiten, wenn sie ein wenig Privatsphäre suchen. Sie freuen sich auf den Nachmittag: Dann gibt‘s die Hauptmahlzeit. Währenddessen beantwortet Vogelsang den Besuchern sämtliche Fragen. Und die zücken wieder ihre Kameras.

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