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Die älteste Ansicht von Springe: Vor 355 Jahren in der Frankfurter Merian-Werkstatt als Kupferstich entstanden

Ein geschönter Blick auf „Diester und Eversbergh“

Springe. Wahrscheinlich im September 1652, also rund vier Jahre nach Ende des 30-jährigen Krieges, stattete Kupferstecher Konrad Buno der Deisterstadt einen Kurzbesuch ab. Seinem Aufenthalt verdanken wir die älteste Ansicht Springes. Die von Buno angefertigten Zeichnungen wurden in der Frankfurter Werkstatt von Merians Erben für den Druck auf Kupferplatten übertragen und 1654 in dem Werk „Topographia und Eigentliche Beschreibung der Vornembsten Stäte, Schlösser auch anderer Plätze und Örter in denen Hertzogthümern Braunschweig und Lüneburg und denen dazu gehörenden Grafschafften, Herrschafften und Landen“ veröffentlicht.

Fraglich ist, ob der vor 355 Jahren veröffentlichte Kupferstich

Autor:

Ulrich Manthey

Andreas-Kirchturm stark überhöht

Das Blatt zeigt „Statt und Ampt Haller-spring“ vom Raher Berg aus gesehen. Im Hintergrund erstreckt sich der „Diester“ sowie links der mit „Am Diester“ bezeichnete Höhenzug, für den damals eigentlich schon der Name „Eversbergh“ üblich war. Gut herausgearbeitet sind wesentliche Elemente der Stadt, wobei fünf Bauwerke in der Legende erklärt sind. An der Stelle der einstigen Residenz der Hallermunter liegt – deutlich getrennt von der geschlossenen Siedlung – das von Befestigungsanlagen und Wassergraben umgebene Amtshaus. Links davon sind die großen Gebäude des Amtshofes zu erkennen.

Ins Auge fällt auch die St. Andreas-Kirche, deren stark überhöhter Turm in den Himmel ragt. Die meisten Wohnhäuser hat der Zeichner durch Dächer flüchtig dargestellt. Details sind nur vereinzelt erfasst.

Umgeben ist die Siedlung von der Stadtmauer, die im Süden und Westen von Dammtor und Obertor sowie dem am Nordostrand hervorlugenden Niedertor unterbrochen ist. Links sieht man den kleinen Gefangenenturm.

Außerhalb der Mauer gibt es drei Gebäude: Links im Bild vor dem Oberntor die Ölmühle, die damalige „Springische Bachmühle“ (die spätere, in den 1950er Jahren abgerissene Seegersche Mühle). Hinter dem Mühlendach steht das Haus des Schweinehirten, rechts neben dem Dammtor die Damm-Mühle. Um die Stadt erstrecken sich Ackerflächen, die im Vordergrund – zum Schutz gegen den durch die Deisterpforte blasenden Wind – von Buschhecken gesäumt sind. Zwei dem Städtlein aus Richtung Eldagsen zustrebende Reiter, drei Fußgänger auf dem nach Altenhagen führenden Weg sowie eine winzige Person vor dem Obertor sorgen für geringe Belebung des Landschaftsbildes.

Charakteristische Kessellage fehlt

Auch wenn die Ansicht typische Merkmale der Stadt enthält, dürfte sie kaum der vollen Realität von 1652 entsprochen haben. Da Konrad Buno bei seiner Tour auf unbefestigten Landstraßen durch die braunschweigischen Fürstentümer im Durchschnitt alle drei Tage eine Zeichnung anfertigte, hatte er wahrscheinlich kaum Zeit, jede Örtlichkeit präzise nachzubilden. Wie sorgfältig die Kupferstecher in Frankfurt die Vorlage umgesetzt haben, ist ebenfalls unbekannt. Die Orientierung an den Stilmitteln Merians – hoher und heller Himmel, ausgeprägter Mittel- und Vordergrund, letzterer wuchtig mit dunklen Bäumen, damit die Stadt zierlich und anheimelnd wirkt – bringen die charakteristische Kessellage Springes wenig zur Geltung.

Den Gegensatz zwischen weitläufiger Landschaft und dicht gedrängter Siedlung kann man als Symbol der Sicherheit nach dem Schrecken des 30-jährigen Krieges interpretieren. Daher ist auch kaum zwingend, aus den sich um die Kirche kuschelnden Häusern einen alten Siedlungskern abzuleiten, wie dies in der Literatur erfolgt ist. Dass das Bild lügt, offenbart der dazugehörige, vermutlich vom Amtmann verfasste Text. Darin heißt es, Springe „soll mit Mauren und Thürmen wol verwahret gewesen sein“, sei „aber bey den vielfaltigen Kriegen sehr abkommen“. Der Stich mit der intakten Stadt und unversehrten Befestigungsanlagen dürfte demnach vielleicht eher der Versuch sein, die Vorkriegssituation zu rekonstruieren. Da das Verlagshaus Merian am kommerziellen Erfolg des Werkes interessiert war – der Preis entsprach dem Wert einer Kuh – musste es auch an die Kunden denken, die sich sicherlich nicht an Bildern aus einem verwüsteten Land mit verwahrlosten Ortschaften ergötzen wollten.

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