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Die Pflichten des Ratsnachtwächters „Heinerich“

SPRINGE. Lehrer Heinrich Hüpers zweite Karriere begann 1949: Ab dann trat er in der Heimatzeitung NDZ als „Heinerich“ auf, der sich in regelmäßig veröffentlichten Kolumnen auf humorige Weise mit dem Kiepenmädchen „Maräichen“ unterhielt.

Die verhüllte Nachtwächterfigur wird am Rathaus am Niederntor auf den Sockel gehievt. Auf dem Anhänger von Bähre lagern noch die verpackten Wegweiser des Denkmals. Bilder: Sammlung Manthey

Autor:

Ulrich Manthey

Dieses kehrte Pfingsten 1951 nach längerer Abwesenheit auf seinen alten Platz auf dem wieder in Betrieb genommenen Marktbrunnen zurück.

Beim „Klönsnack“ im Juni jenes Jahres berichtet ihm der sich als „Springer Bürgersmann“ bezeichnende „Heinerich“ in der NDZ, er habe vom Ratsdiener folgendes Schreiben erhalten: „Ich bitte Sie, in einer für Sie äußerst wichtigen Angelegenheit zu einer sofortigen Besprechung ins Rathaus zu kommen. Der Stadtdirektor.“ Daraufhin habe er zwar erst einmal ordentlich gefrühstückt, vor lauter Aufregung dann aber das Anlegen seiner Hosenträger vergessen. Im Rathaus, wo er vom gesamten Magistrat erwartet wird, erfährt er zu seiner Überraschung, dass die Ratsherren aus „außergewöhnlichen innenpolitischen Gründen“ einstimmig beschlossen hätten, ihm das gut besoldete Amt des Ratsnachtwächters zu übertragen. Den vorgelegten Vertrag unterschreibt er erst, nachdem er über seine acht Pflichten belehrt worden ist – die vor lauter Unsinn strotzen...

„1. Der Ratsnachtwächter hat zu wachen, wenn die Polizei dienstmüde in den Federn liegt.

2. Er hat zu wachen, dass Frühheimkehrer nicht über die städtischen Ascheneimer stolpern.

3. Er hat zu verhüten, dass nicht die frechen Jungen im Petersschen Hause die Wasserregulierung am Marienbrunnen übermäßig aufdrehen.

4. Er hat dem Magistrat zu berichten, ob auch die alten Wurstdosen, Fahrradschläuche und toten Katzen richtig in die Ausschachtung des ersten Turnhallenprojektes auf dem Tivoli geworfen werden.

5. Er hat zu prüfen (Stichproben!), ob alle Bürger der getreuen Stadt Springe ordnungsgemäß in echt demokratischer Weise mit Brennmaterial versorgt werden.

6. Er hat festzustellen, ob niemand beim Verlassen der städtischen Badeanstalt noch ‚nass hinter den Ohren‘ ist.

7. Er hat dem Verkehrs- und Verschönerungsverein in dreifacher Ausfertigung vom Fortschritt des Blumenwettbewerbs zu berichten.

8. Er hat sein Amt umgehend anzutreten und (…) hat sein liebes Maräichen in kürzester Frist zu heiraten. Ausstattung und Wohnung wird von der Stadt Springe ausgiebigst zur Verfügung gestellt.“

Auf Wunsch von „Heinerich“ soll die Eheschließung gleich am nächsten Morgen stattfinden. „Jungfrau Maräichen“, völlig überrascht von seinem Heiratsantrag, antwortet mit einem „Ja, Heinerich, beste Junge, eck will“, woraufhin sie ein Küsschen erhält.

Die Vorbereitungen für das Jux-Ereignis waren schon geraume Zeit auf Hochtouren gelaufen. Zwar hatte die NDZ verbreitet, am Rathaus würde eine Litfaßsäule installiert, jedoch dürfte dies kaum ein Leser geglaubt haben; denn schon einige Tage zuvor war per Kran ein dicker Holzsockel aufgestellt und darauf ein verhülltes Objekt befestigt worden. Unter der Plane versteckte sich die Figur des Ratsnachtwächters, geschaffen von Bildhauermeister Helmut Benna. Finanziert war das mit Wegweiser verbundene Denkmal von Fabrikant Friedrich Bähre aus Anlass seines 50-jährigen Firmenjubiläums.

(Fortsetzung folgt)

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