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Die NDZ begleitet einen Landwirt während der Rübenkampagne

SPRINGE. Die Rüben, sie rumpeln wieder, auch durchs Calenberger Land. Nach einem Masterplan, der nicht nur die Rüben und die Menge des Drecks, der an ihnen klebt, transparent macht. Sondern auch deren Fahrer und ihren Fahrstil.

Die Rüben wurden feucht geerntet, die Fabrik braucht Nachschub: Heinrich Freimann fährt durch entlegenste Winkel im Calenberger Land.
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Katharina Weißling Redakteurin zur Autorenseite

„Wenn hier einer völlig verrückt fährt und jemand sauer darüber in der Zuckerfabrik anruft, können Sie sicher davon ausgehen, dass das an der richtigen Adresse ankommt“, sagt Heinrich Freimann.

Noch bis Januar ist der Landwirt, ehrenamtlicher Holtenser Ortsbürgermeister, Teil der Rübenkampagne – als Fahrer. Drei bis vier Schichten pro Woche übernimmt er. Jetzt gerade bei Sonnenschein ist das beinahe bequem. „Ich nehme die schönen Dinge schon wahr“, bemerkt er, als die Strecke ins Zuckerwerk Nordstemmen malerisch an der Marienburg vorbeiführt. Besonders hübsche Vorgärten: gern gesehen.

Noch mehr allerdings achtet Freimann darauf, wie die Leute gucken, wenn sein Laster anrollt. „Die fragen sich doch, was ich da mache mitten im Wald“, sagt er und hält an. Kurz vorm Ziel müssen Spaziergänger ihre Hunde anweisen, Platz zu machen, damit der Laster überhaupt den Feldweg passieren kann. So wie die Strecke aussieht, könnten gleich Pilzsammler mit Körben aus dem Unterholz kommen.

Mit Idylle allerdings ist die Rübenkampagne in der öffentlichen Wahrnehmung kaum verknüpft. Besonders nicht in den Ortschaften, durch die es hallt und scheppert, wenn die Laster rollen — auch bei Tempo 30 und weniger. „Für den, der unten steht, fühlt und hört es sich immer anders an als für uns hier oben“, weiß Freimann und lässt stets die Scheibe ein Stück runtergekurbelt. Er will mitkriegen, wie es rappelt hinter ihm. Lose Gullideckel umfährt er wo immer möglich, besonders nachts. „Das knallt sonst wie verrückt, wenn der Laster leer ist.“

Seinen persönlichen „Big Brother“ an Bord hat er stets im Blick. „Der verteilt sogar Smileys“, scherzt er und weist auf eine lange grüne Linie unten auf der digitalen Anzeige hin. 90 Prozent Zufriedenheit signalisiert die nach wenigen Stunden Fahrt an diesem Morgen. Häufiges oder scharfes Bremsen und hohes Tempo sanktioniert der Computer gnadenlos.

„Da hat keiner etwas davon, die Leute zu verärgern oder Material zu verschleißen“, sagt Freimann. Freundlich grüßen, das liegt ihm in der Natur. Vom Laster aus macht er das aber auch mit dem Bewusstsein, dass zwischen der Rübenkampagne auf den Straßen und dem Branchenslogan „Mit Zucker lacht das Leben“, Welten liegen. Im hoch konzentrierten Zuckermarkt werden die Transportwege der Rüben immer länger. Die Logistik ist ausgefeilt bis ins Detail. Voll darf kein Laster über die historische Leinebrücke bei Schulenburg fahren, leer schon. Wo Straßen baufällig sind, leitet die Wegvorgaben-Software des Zuckerwerks die Laster um.

Aussteigen müssen die Fahrer kaum noch, mit den Landwirten und Lohnunternehmern auf den Feldern sprechen sie über Funk. Disponent und Fahrer kommunizieren per Whatsapp miteinander. „Auf Dauer würde so viel Bewegungsarmut meinem Stoffwechsel schaden“, knurrt Freimann zwischendurch, schließlich ist er Landwirt.

Die Rübenkampagne ist ein Geschäft, das nicht mehr nach Gefühl, sondern an Monitoren und mit Mausklicks abgewickelt wird. Schon die Maschine, die die aufgehäuften Rüben am Ackerrand so dreckfrei durchgerüttelt wie möglich in den Laster bringt, wiegt die Ware exakt ab. „Das ist auch gut so“, sagt Freimann. Was über 40 Tonnen geht, bezahlt die Fabrik nicht mehr. Wer kann, tankt darum erst, wenn die Ladung gelöscht ist.

Angekommen am Zuckerwerk passiert Freimanns Laster die Waage, dann geht es zur Probenentnahme. In weniger als einer Minute ist klar, wie viel Dreck an den Rüben hängt, wie hoch der Zuckergehalt ist. Vom Computer aus kann ein Landwirt das in Echtzeit mitverfolgen. Freimann vom Laster aus nicht mehr: „Aus Datenschutzgründen.“

Eigentlich behält die Zuckerfabrik es sich vor, Abzüge für Dreck vorzunehmen. Ist der Acker nass, bleibt mehr kleben an der Ernte. Gerade aber sieht alles anders aus. „Die müssen ganze Tagestouren umdisponieren, weil viele die Rüben nicht aus dem Acker rauskriegen. Da sind die froh um alles, was verfügbar ist“, sagt Freimann. Den Rüben macht es nichts, im Acker zu bleiben, der Fabrik schon, denn die braucht Nachschub, um ausgelastet zu sein.

Während Freimann durchs Calenberger Land fährt, plant er, was auf der heimischen Scholle anliegt. So spät wie in diesem regenreichen Jahr hat er noch nie Felder aufgerissen, um Wintergerste einzusäen: „Das ist ein verrücktes Jahr“.

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