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Lebenshilfe Springe bezieht ihr neues Wohnheim / Mehr als zwei Millionen Euro investiert

„Die Gefühle fahren heute Achterbahn“

Springe (mari). Spürbar aufgeregt begleiten Susanne und Jürgen Koch ihre Tochter in die neue WG. „Die Gefühle fahren heute Achterbahn“, gesteht der Vater. Er habe noch gar nicht realisiert, dass er gleich wegfahre und Lotte einfach dalasse. Der 55-Jährige schluckt – und lacht im selben Moment: „Selbst ein gesundes Kind lässt man ja nur schwer ziehen.“

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Lotte ist 19, im Sommer hat sie nach zwölf Jahren die Schule beendet. Es ist der ideale Zeitpunkt für einen neuen Lebensabschnitt. Und doch ist der Umzug außergewöhnlich: Lotte hat das atypische Rettsyndrom, sie ist schwerbehindert und ständig auf Hilfe angewiesen. Die Großburgwedelerin gehört zu den Ersten, die gestern ins neue Wohnheim der Lebenshilfe an der Eldagsener Straße (Schulzentrum Süd) eingezogen sind.

„Wir haben im Umkreis gesucht, aber nichts so Schönes wie dieses Haus gefunden“, erzählen Lottes Eltern, während sie den Koffer ihrer Tochter auspacken. Wichtig seien ihnen vor allem die „gemischte Bewohnerschaft“ und die gleich nebenan liegende Tagesförderstätte gewesen.

Mehr als zwei Millionen Euro hat die Lebenshilfe Springe in den Bau des neuen Wohnheims investiert. 24 Plätze gibt es, 22 davon sind bereits vergeben. Das Haus umfasst 1000 Quadratmeter Grundfläche, hat eine U-Form und gleicht einer WG: Jeder der 17- bis 66-jährigen Bewohner hat ein Einzelzimmer (13 bis 16 Quadratmeter groß), die Wohn- und Essbereiche teilen sich alle. Hier wird am Wochenende gemeinsam gekocht – die Arbeitsplatte ist so niedrig, dass auch Rollstuhlfahrer bequem Gemüse mitschnippeln können.

„Wir haben es hier sehr gut erwischt“, strahlt eine Eldagsenerin, die ihren 23-jährigen Sohn zu seinem neuen Zimmer bringt. Mehrfach die Woche will sie vorbeikommen und mit ihrem Sohn eine spezielle Bewegungstherapie fortsetzen. Natürlich falle der Abschied schwer, das Leben zuhause werde sich verändern, „aber es ist ein gutes Gefühl“.

Der Tag des Auszugs kommt für Christa Mölders dagegen Jahre zu spät. „Ich kann nicht mehr“, sackt die 63-Jährige erschöpft in einen Stuhl. 32 Jahre hat sie ihren Mann Werner gepflegt, der 1979 als Einziger von fünf Springern einen schweren Autounfall auf der B 217 überlebt hat. Der frühere Autoverkäufer erlitt ein Schädelhirntrauma zweiten Grades und ist seitdem hundert Prozent geistig und körperlich behindert. Auch an Christa Mölders’ Körper hat das Unglück Spuren hinterlassen: „Mein Rücken ist kaputt.“ Vor allem die letzten Jahre, in denen der 65-Jährige immer unbeweglicher wurde, waren Gift.

Enkeltochter Luisa gibt dem Senior einen herzhaften Kuss auf die Wange. „Hier hat‘s Opa gut“, sagt die Achtjährige unverkrampft und drückt ihre Oma. „Der kann hier tolle Sachen machen und hat bestimmt viel Spaß.“

n Das Landesintegrationsamt förderte das Bauprojekt mit 445 000 Euro sowie einem Darlehen in Höhe von 890 000 Euro. Die „Aktion Mensch“ zahlte 250 000 Euro.

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