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13 Menschen mit Behinderung beziehen zum ersten Mal eine eigene Wohnung in Bennigsen

Das Glück ist ein Briefkastenschlüssel

Bennigsen. Manchmal sieht das Glück so normal aus, man kann es fast nicht erkennen. Ein Türschild. Ein eigener Briefkastenschlüssel. Eine Maschine Schmutzwäsche, ein Kaffeeklatsch am Nachmittag. Heiko Gleitz kennt es, dieses Glück, seit drei Monaten. Der 50-Jährige sitzt auf dem Sofa seines kleinen Apartments in Bennigsen und strahlt über das ganze Gesicht vor Freude. Freude – über seine erste eigene Wohnung.

Gemeinsam Kaffee trinken: Arnold Songaila, Angela Kerstedt und G
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Christian Zett Redaktionsleiter zur Autorenseite

Wie ihm geht es auch zwölf anderen Menschen mit Behinderung. Sie lebten bisher im Haus Lüdersen der Diakonie Himmelsthür. Seit Juni sind sie nach und nach umgezogen nach Bennigsen, manche in kleine Einzimmer-Apartments, andere zu zweit oder zu dritt in größere Wohnungen. Mit dem Projekt soll die möglichst selbstständige Teilhabe der behinderten Menschen an der Gesellschaft vorangetrieben werden – ganz nach der Vorgabe der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen. Heiko Gleitz sagen diese Theorien und Forderungen vielleicht etwas – vielleicht tun sie es auch nicht. Für den 50-Jährigen zählt sein Glück, seine Wohnung. „Ich fühle mich wohl hier“, sagt Gleitz. Er habe keinen Stress mehr mit denen, die früher in einer Wohngruppe in Lüdersen mit ihm lebten. In Bennigsen ist er sein eigener Hausvorstand: „Das ist schon besser.“

Das Telefon klingelt und Gleitz bleibt erst mal auf dem Sofa. Susanne Renner, die ihm gegenüber sitzt, schaut ihn an. „Ist das mein Telefon – oder deins?“ fragt die Leiterin der Lüderser Diakonie-Zweigstelle. Gleitz grinst, steht auf und hebt den Hörer ab.

Renner hat das Programm gemeinsam mit Projekt- und Wohnbereichsleiter Ralf Simon schon vor Monaten angeschoben. Sie sieht ihre Erwartungen mehr als übertroffen: „Es ist so beeindruckend“, schwärmt sie. Und sieht sich bestätigt in den Anstrengungen, die den Umzügen vorausgingen. Man habe einige der gesetzlichen Betreuer „regelrecht beknien“ müssen, mitzumachen, erinnert sich Renner: „Aber die sind jetzt auch ganz begeistert, wie gut das läuft.“

Heiko Gleitz (r.) freut sich über seine neue Wohnung – gem
  • Heiko Gleitz (r.) freut sich über seine neue Wohnung – gemeinsam mit Projektleiter Ralf Simon. Fotos: zett

Insgesamt verteilen sich die 13 Bewohner auf sechs Wohnungen in Bennigsen. Alles, was sie schaffen, sollen sie alleine machen. „Aber sie können sich jederzeit Hilfe über eine Rufbereitschaft holen“, sagt Simon. Ein Nachtdienst kommt morgens zum Wecken, verteilt Medikamente. Die Mitarbeiter der Diakonie machen oft Hausbesuche, in einer der Wohnungen gibt es extra ein Büro für das Team.

Vor dem Einzug mussten viele Möbel neu angeschafft werden, einige Bewohner brauchen spezielle Telefone. Beim Einkaufen waren alle stets dabei: „Bei Ikea waren sie dann ganz stolz, wenn sie sich da eine Sitzgarnitur oder eine Lampe ausgesucht haben“, sagt Renner. Doch die Selbstständigkeit geht weiter: beim Wäsche waschen, beim gemeinsamen Kochen. „Selber machen ist eine ganz große Motivation“, sagt Renner. Für manche aber auch eine große Umstellung. So hängt bei Arnold Songaila, Angela Kerstedt und Gertrud Schmitt in der Wohngemeinschafts-Küche ein Regelzettel. „Jeder darf essen, wann er will“, steht da. Projektleiter Simon erklärt: „Wenn man vorher in Lüdersen jahrelang an feste Essenszeiten gewohnt war, muss man sich erst mal umgewöhnen.“

Auch ihren neuen Nachbarn haben sich die Zuzügler aus Lüdersen schon vorgestellt: „Die Reaktionen waren durch die Bank positiv“, sagt Renner – nur eine Einweihungsfete habe es noch nicht gegeben. Für ihre Schützlinge sei diese Ecke Bennigsens perfekt geeignet: „Hier leben viele Menschen mit Migrationshintergrund. Die Mentalität ist anders, hier ist viel Leben – das passt gut zusammen.“ Sie will in den kommenden Jahren noch mehr Bewohner in eigene Wohnungen bringen: „Ich denke schon, dass wir ausbauen“, sagt sie. Manchmal versteckt sich das Glück in so einfachen Sätzen.

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