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Wie ein Heimatforscher das bewegende Schicksal eines Wilderers in der Region rekonstruiert

Auf den Spuren der Wilderer vom Deister

Springe. Deisterhauptkamm am 1. März 1835: Zwei Wilderer aus Münder pirschen mit einem Gewehr bewaffnet über die Bergkuppe. Unten, im Tal bei Wennigsen, lauern ihnen vier Forstbeamte auf. Minuten später fallen Schüsse. Wurde jemand verletzt? Ein Heimatforscher hat jetzt die Geschichte der Wilderer-Bande untersucht, die damals den Deister unsicher gemacht hatte.  Wir sind mit ihm auf die Pirsch gegangen.

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Mischer

Autor

Ralf T. Mischer Redakteur zur Autorenseite

Springe. Deisterhauptkamm am 1. März 1835: Zwei Wilderer aus Münder pirschen mit einem Gewehr bewaffnet über die Bergkuppe. Unten, im Tal bei Wennigsen, lauern ihnen vier Forstbeamte auf. Minuten später fallen Schüsse, zwei Männer sterben. Einer von ihnen wird zum Helden, der andere gerät fast in Vergessenheit. Bis jetzt: Die Ausstellung im Jagdschloss ruft den Showdown zwischen Hofjäger Eduard Elten und dem Wilddieb Meyer zurück in Erinnerung. Rekonstruiert hat sie Winfried Gehrke. Eine Pirsch mit dem Heimatforscher.

Ein Schatten liegt auf dem nördlichen Deisterkamm nahe der Münder Heerstraße: Die Sonne strahlt nur auf die Südseite des Mittelgebirges, dort, wo Springe ist. Winfried Gehrke, 67, 1,65 Heimathistoriker mit grüner Wanderhose und Funktionsweste in Tarnfarben, hat auf dem Holztisch vor sich Dokumente, Fotos und Karten ausgebreitet. Mit ihrer Hilfe hat er die Geschichte des Wilderers Meyer rekonstruiert. Zwei Jahre war er in Archiven und Bibliotheken unterwegs, hat staubige Urkunden gewälzt und Protokolle ausgewertet, um die Geschichte des Mannes aufzuarbeiten, dessen Tod symbolisch steht für die Schicksale vieler Wilderer, die einst den Deister unsicher gemacht haben.

„Beim Volk waren sie oft beliebt“, weiß der Heimat- forscher. Immerhin herrschte im frühen 19. Jahrhundert Armut in den Dörfern, viele Bewohner hungerten, Tausende wanderten nach Amerika aus. Aber das Wild war trotzdem tabu für sie: „Der König brauchte es für seine Hofküchen, das Fleisch aus dem Saupark allein reichte nicht aus“, sagt der Geschichtsexperte und blättert dabei durch eine Broschüre über die sogenannte Eltengeschichte. Elten ist der Nachname des Mannes, der Meyer erschossen hat – zumindest in der Version derer, die ihm damals nachgestellt haben.

Für Männer wie Meyer aus Münder lohnten sich der Gang über den Deister und der Beutezug durchaus. Zwar hatte er als Holzvogt das Recht, in Münder zu jagen – und das Wild sogar zu verkaufen. Dort war die Ausbeute aber geringer als auf der anderen Seite. „Es ist durchaus möglich, dass er in des Königs Wald geschossenes Wild anschließend an den König zurück verkauft hatte“, meint Gehrke und drückt seinen Zeigefinger auf ein Foto, auf dem die Waffe des Eduard Elten abgebildet ist.

Dass Meyer einen florierenden Wildhandel betrieb, blieb bald auch im Königshaus nicht unbemerkt. Der fürstliche Jägerhof stellte zusätzliche Vogte und Jäger ein, die den Wilddieb und seinen Komplizen auflauern sollten. Am ersten März hatten sie Erfolg. Gehrke geht drei Schritte gen Süden, stützt seinen Arm auf den Granitstein, der zum Elten-Denkmal gehört. „Hier ist es geschehen“, sagt er. Allerdings gibt es zwei Versionen der Geschichte. Sie unterscheiden sich in einem kleinen, aber entscheidenden Detail.

Fest steht: Im Auftrag des Königs lauern vier mit Gewehren bewaffnete Männer den Wilddieben am Fuße des Deisters auf. Elten, der den Trupp anführt, sieht, wie zwei Gestalten den Hang heruntersteigen. „Das sind sie, heute packen wir sie uns“, gibt der Anführer vor und entscheidet, dass die Männer sich trennen sollen. Dann prescht er davon. Allein muss er dann auf Meyer getroffen sein. Der schießt ihn nieder.

Im Sterben soll Elten aber auch noch einen Schuss auf Meyer abgegeben haben.

Dem Teil der Überlieferung traut Gehrke nicht. „Das ist eine Heldengeschichte“, sagt er. Seine Version geht anders: Elten wurde tödlich getroffen, seine Untergebenen sannen auf Rache – und erschossen Meyer. Weil Selbstjustiz aber schon damals strafbar war, ersannen sie die Version, in der Elton seinen Mörder mit ins Grab nahm.

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