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Als schwules Ehepaar in der Kleinstadt – geht das?

ELDAGSEN. Als Andreas Frädermann und Andreas Frädermann vor vier Jahren gerade ihre Lebenspartnerschaft besiegelt hatten, hatten sie diesen Brief im Kasten. Anonym natürlich – so etwas ist immer anonym. Üble Beschimpfungen, Drohungen, die sogar an die Gräuel der Nazizeit erinnerten. Ein Tiefpunkt.

Fühlen sich wohl in Eldagsen: Andreas Frädermann und Andreas Frädermann, hier bei ihrer kirchlichen Trauung in Boitzum mit Pastor Eberhard Jaeger. FOTO: SCHLENKER
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Christian Zett Redaktionsleiter zur Autorenseite

Aber: Einer, der so gar nicht passen will zu dem Gefühl, mit dem das Ehepaar heute mitten in Eldagsen lebt.

Die Frädermanns, die seit ihrer sogenannten Verpartnerung 2013 den gleichen Vor- und Nachnamen tragen, hatten vor einigen Tagen für Aufsehen gesorgt: als erstes gleichgeschlechtliches Ehepaar, das sich im Gebiet der Landeskirche Hannover kirchlich trauen ließ.

Die Zeremonie in der Boitzumer Kapelle sei „traumhaft“ gewesen, sagt der jüngere Andreas Frädermann (37). Für ihn seien beide erst jetzt richtig verheiratet: Als der Bundestag im Sommer den Segen für die Ehe für alle gab, da habe er zu seinem Mann (48) gesagt: „Das möchte ich auch.“ Beide heirateten nun im Dezember erst standesamtlich, dann kirchlich. Der Ältere der beiden freut sich, dass jetzt „das lästige Wort verpartnert“ weg ist.

Die Frädermanns sind aber nicht nur Pioniere in Sachen kirchliche Trauung für alle. Sie leben auch an einem Ort, den man auf den ersten Blick eher mit konservativen Einstellungen in Verbindung bringt – und nicht mit der zusehends liberaleren Einstellung der Gesellschaft gegenüber Liebe zwischen Männern: Eldagsen hat rund 3300 Einwohner.

Und doch funktioniert es. Sehr gut sogar. „Klar gibt es auch kleine Orte, in denen die Leute angefressen reagieren.“ In Eldagsen verspürt das Paar jedoch „einen großen Rückhalt“, sagt der jüngere Andreas Frädermann: „Es gibt so viele Leute, die hinter uns stehen. Wir haben hier echt Glück – und dafür sind wir den Eldagsern unendlich dankbar.“

Geholfen dabei hat, da sind die beiden sicher, der Umstand, dass der 37-Jährige ein Ur-Eldagsener ist. Sein Vater hat im Ort ein Taxiunternehmen: „Viele kennen mich schon als kleinen Bub“, sagt er.

Sein Mann ergänzt: „Wir machen hier aber auch kein Tamtam, gehen nicht mit Perlenkette und Handtasche durch den Ort.“ Sie sehen sich mit dem Friseursalon, den sie gemeinsam betreiben, als „integriert ins Alltagsleben“.

Für den jüngeren Andreas Frädermann war das Leben in Eldagsen nicht immer so einfach. Als er sich mit 17 oder 18 Jahren als schwul outete, da sei das „eine schwere Zeit“ gewesen.

Freunde wandten sich ab, die Leute hätten hinter seinem Rücken getuschelt. Irgendwann habe er die Flucht ergriffen. Mit Mitte 20 wanderte er nach Gran Canaria aus, lebte dann nochmal zwei Jahre in Berlin. Und dann? „Ich denke, man kann das schon Heimweh nennen.“ Berlin sei ein hartes Pflaster gewesen, er habe die Familie vermisst. Und kam zurück nach Eldagsen. Übers Internet lernte er schließlich seinen heutigen Ehemann kennen. Schnell stand fest: „Wir wollen heiraten“ – und dann keine Fernbeziehung führen.

Der Ältere der beiden zog aus Bremen nach Eldagsen. „Natürlich habe ich da auch erst mal überlegt, in einen kleinen Ort zu gehen.“

Bereut hat er es nicht – auch nicht nach dem anonymen Brief, der ihn zuerst schockte. „Man kann hier im Ländlicheren ein tolles Leben haben“, sagt er: „Solange man einfach nur man selbst ist.“

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