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NDZ-Serie: Was kann die Stadt bei der Kinderbetreuung leisten?

BAD MÜNDER. 13 Tagesstätten mit 560 Plätzen in Kindergarten und Krippe, dazu die Tagespflege – den Rechtsanspruch, den Eltern auf Betreuung ihres Nachwuchses haben, den erfüllt man in Bad Münder. Doch die Stadt will mehr – und Eltern auch.

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Christian Zett Redaktionsleiter zur Autorenseite

Vier Stunden am Tag, fünf Tage die Woche. Was das Gesetz den Eltern garantiert, das weiß Elisabeth Borcherding, das ist für immer mehr Familien lange nicht ausreichend. Und darum will sich auch die Fachbereichsleiterin Bildung bei der Stadt nicht darauf ausruhen. „Es geht um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wir haben Anfragen von Eltern, bei denen beide berufstätig sind, der Arbeitsplatz liegt außerhalb. Da steigt der Bedarf nach längeren Betreuungszeiten.“ Gemeinsam mit dem Landkreis und den Trägern arbeite man deshalb an Konzepten zur Erweiterung der Zeiten, sagt Borcherding. Im nächsten Jahr soll ein Kitabedarfsplan entstehen – samt einer Elternbefragung, mit der die Verantwortlichen Wünsche und Bedürfnisse einholen wollen.

Im nächsten Schritt plant die Stadt außerdem etwa die Ausweitung von Halbtags- auf Dreivierteltagsplätze. Dann endet die Betreuungszeit statt um 12 Uhr etwa um 14 Uhr. Denn bei allen Expansionswünschen muss die Stadt auch die Kosten im Auge behalten: Eine 14-Uhr-Gruppe habe – etwa was Ruhezonen für Jüngere angeht – noch mal einen anderen Bedarf als ein Ganztagsangebot. Aber auch bei den Sonderöffnungszeiten – etwa am frühen Morgen oder am späten Nachmittag – hat Borcherding erhöhten Bedarf ausgemacht.

Ein ganz wichtiges Element, um die Wünsche der Eltern abdecken zu können, ist aus Borcherdings Sicht die Tagespflege. Um die kümmert sich in Bad Münder schwerpunktmäßig das Familienbüro. „Wir arbeiten Hand in Hand. Ohne das eine geht das andere nicht“, sagt Borcherding. Die Tagespflege hat für Betreuungssuchende durchaus Vorteile: Das Angebot, die Kinder von Tagesmüttern oder -vätern in kleinen Gruppen betreuen zu lassen, biete auch mehr zeitliche Flexibilität. Die höheren Kosten, die der Gesetzgeber eigentlich gar nicht vorsieht, seien seit einer neuen Regelung des Landkreises im Jahr 2015, angepasst worden: „Dadurch ist das deutlich attraktiver.“ Aber die Herausforderung ist auch groß für die Stadt: „Man muss natürlich Personen finden, die das übernehmen, und sie ausbilden“, weiß Borcherding.

Und die Eltern? In Springe waren sie gerade erst mit ihrem Vorstoß gescheitert: Der Kita-Stadtelternrat hatte für einkommensabhängige Gebühren gekämpft. Auch Bürgermeister Christian Springfeld hatten die Fürsprecher auf seiner Seite, er war vor seiner Wahl Chef des Gremiums. Doch dann winkte die Stadt schließlich ab – zu groß sei der Aufwand.

In Bad Münder hat man die ganze Debatte etwas ungläubig verfolgt – „überrascht wahrgenommen“ habe man die Forderungen, so formuliert es Katharina Werner. Die Mutter ist Vorsitzende des Kita-Elternrats Bad Münder. Und ganz und gar nicht einverstanden damit, dass die Regelung ab 2018 in Bad Münder gelten könnte. Seit vergangenem Jahr läuft in Bad Pyrmont ein entsprechendes Pilotprojekt.

Warum sind die Elternvertreter dagegen? Werner hat ein Positionspapier ausgearbeitet, das auch an die Politik gehen soll. „Niemand möchte seine Einkünfte für einen Kitaplatz offenlegen!“ heißt es darin. Man fürchte nicht nur Probleme mit dem Datenschutz, sondern auch einen „immensen Verwaltungsaufwand“, sagt Werner. Unterlagen müssten zusammengestellt werden; gerade bei Selbstständigen seien unter Umständen komplizierte Rechnungen und Prüfungen nötig, um auf die korrekten Werte zu kommen. „Das sind Mehrkosten ohne Nutzen für die Kinder“, heißt es in dem Statement des Elternrats.

In anderen Kommunen sei ihnen von Erfahrungen berichtet worden, dass Beteiligung und Mitspracherecht von Eltern teils einkommensabhängig gewichtet worden seien – in Kitas sei so sozialer Unfrieden entstanden: „Häufig erwarten stark finanzierende Eltern andere Rechte oder Vorteile für ihr Kind beziehungsweise ihre Meinung innerhalb einer Kita. Eine Familie, die dagegen den Mindestsatz zahlt, wird sich eher im Hintergrund halten.“

Den status quo hält Werner dagegen sogar für einen Werbefaktor für Bad Münder: Der Ort könne mit angemessenen, transparenten und für alle gleichen Gebühren um neue Familien werben. Das neue Modell nütze der Stadt dagegen wenig: Die Einnahmen würden kaum steigen, sondern nur anders verteilt. Wenn es um die Entlastung einkommensschwacher Familien gehe, sei das sicherlich „effektiver und mit weniger Verwaltungsaufwand“ möglich.

Besser verdienende Eltern könnten dagegen in alternative, private Angebote wechseln – etwa bei der Tagespflege – und so die städtischen Angebote oder die anderer Träger schwächen.

Unter dem Strich hält Werner die Idee für – ganz deutlich – quatsch: „Familien mit geringerem Einkommen kaufen auch nicht günstiger Obst im Supermarkt ein. Für die gleiche Dienstleistung muss dasselbe gezahlt werden.“

Für sie und ihre Mitstreiter ist dieser Punkt der wichtigste – wenn auch nicht der Einzige: Der Elternrat macht sich dafür stark, dass alle Kinder in den Kitas ein Mittagessen bekommen – sofern sie bis mindestens 13 Uhr betreut werden. Im Moment ist das nicht Fall: „Da essen manche um 12 Uhr noch mal ihr Brot“, sagt Werner. „Wir wissen, dass das in der Regel Mehrarbeit ohne zusätzliches Personal ist und hoffen auf kreative Lösungen“ – etwa auf Unterstützung durch Bundesfreiwilligendienstleistende. Dass es tatsächlich mehr feste Kräfte gibt, hält auch Werner für den „Idealfall“.

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