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Im Schaafstall trifft Mozart auf Freud

BAD MÜNDER. „Schön, dass wir diesmal nicht die Hauptpersonen sind“, sagt der Schauspieler Felix von Manteuffel. Zusammen mit seiner Frau Leslie Malton war er angereist, um zusammen mit weiteren gut 100 Gästen im Schaafstall Mozarts „Entführung aus dem Serail“ aus äußerst ungewöhnlichem Blickwinkel zu erleben.

Auf sieben Akteure muss sich das Publikum einstellen – da wird es auf der Schaafstall-Bühne eng.

Autor

Christoph Huppert Reporter

Bereits mehrfach hat der Psychoanalytiker Dr. Wolfgang Sättler im Schaafstall große Werke der Opernliteratur einer Analyse aus Freudscher Sicht unterzogen. So legte er auch diesmal in wohlgesetzten Worten die Personen von Mozarts 1782 in Wien uraufgeführtem, dreiaktigem Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“ auf die Couch. Die geneigten Zuhörer erfuhren etwas über die Hintergründe der Wiener Türkenbegeisterung jener Jahre, Mozarts Türkenmusik, und dass es weniger um äußere Realitäten denn um „innere Zustände“ und „die Welt der Fantasie“ geht. Mozarts Singspiel als „Wiederbelebung des kindlichen Ödipus-Konflikts“, den Sättler sprachlich lustvoll den Hauptakteuren attestierte, begeisterte nicht nur eingefleischte Freudianer.

An verschiedenen Arien demonstrierte der Analytiker, wie die ödipale Thematik „auf eine zweite Sinnebene“ transportiert wird. Zur Erinnerung: Ðas Kind will die Mutter heiraten und den Vater ermorden. „Es geht statt um laszive Erwachsenensexualität um die neugierige, entdeckende Sexualität des Kindes“, stellte Sättler fest. Verinnerlichte Kastrationsängste treten neben Vergeltungsfantasien.

Edelmann Belmonte, seiner Geliebter Konstanze, Diener Pedrillo, der britischen Zofe Blonde, Aufseher Osmin und dem spanischen Herrn Bassa Selim weist Sättler ihren Platz in Freuds Theorie zu.

Mehr als bloße musikalische Kommentierung allerdings waren an diesem Abend die fünf Auszüge, die die jungen Sängerinnen und Sänger vorstellten. Bogna Benagiewicz (Blonde), Franziska Giesemann (Konstanze), Daniel Preis (Pedrillo), Young-Jun Ahn (Belmonte) und Julian Acht als Osmin sind längst über den Studierenden-Status hinausgewachsen und begeisterten – am Flügel begleitet von Polina Lubchanskaya – allesamt durch schlichtweg hervorragende Gesangsleistungen. Schade daher, dass ihre Würdigung seitens des Veranstalters spartanisch knapp ausfiel und sich auch der Programmzettel auf die Namensnennung beschränkte.

Die Variation der Grundidee eines analytischen Blickes auf ein weltbekanntes Musikwerk war zwar äußerst unterhaltsam und lehrreich, blieb am Ende doch überwiegend intellektuelles Amüsement. Zudem geriet der Schaafstall mit sechs Musikern und einem Vortragenden diesmal letztlich doch an seine räumlichen Grenzen, wenn nicht gar darüber hinaus.

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