weather-image

Fußgängerzone: Stadtplaner fordert Entwicklungskonzept

BAD MÜNDER. Seit dem Vorstoß von Dr. Helmut Burdorf ist die Fußgängerzone das Streitthema in Bad Münder: Händler, Politiker und Verwaltung diskutieren über eine Belebung der Innenstadt. Wir sprachen übern Ideen und Möglichkeiten mit dem Stadtplaner Dr. Klaus Habermann-Nieße aus Hannover.

Zukunft ungewiss: Politik, Verwaltung und Händler brüten über Ideen für die Fußgängerzone. Foto: Rathmann
dittrich

Autor

Benedikt Dittrich Redakteur zur Autorenseite

Herr Habermann-Nieße, in Bad Münder steigt der Leerstand in der Innenstadt seit Jahren. Ist das ein hausgemachtes Problem oder ein allgemeiner Trend?

Klaus Habermann-Nieße: Nein, das ist ein klassisches Muster. Das kann man in Südniedersachsen und entlang der Weser überall sehen. Einzelhändler und Nahversorger sind auf die grüne Wiese gezogen mit der Begründung, dass der Kunde ein vielfältiges Sortiment verlangt. In Zentren von kleinen Städten gibt es hingegen wenig Entwicklungsflächen, stattdesssen denkmalgeschützte Gebäude. Das lässt sich nur schwer vereinbaren. Auf der anderen Seite packt sich der Bürger lieber den Kofferraum voll, kauft einmal groß mit dem Auto ein, anstatt zu Fuß in wohnungsnähe kleinere Einkäufe zu erledigen.

Die Innenstädte verlieren also zwangsläufig ihre Attraktivität für den Einzelhandel?

Habermann-Nieße: Grundsätzlich muss man sich von der Illusion verabschieden, dass Innenstädte wieder so lebendig werden wie in den achtziger Jahren. Aber es gibt auch Gegenbeispiele: Der Einzelhandel hat erkannt, dass er mit der bisherigen Strategie einen Teil der Kundschaft verliert – nämlich den ohne Auto. Dafür entstehen jetzt Märkte mit einem kleinen Alltagsangebot in den Städten. Das ist eine Chance, aber es gibt bisher nur einige wenige Beispiele.

Gibt es noch andere Möglichkeiten, Stadtzentren zu beleben?

Habermann-Nieße: Grundsätzlich müssen Innenstädte auch als Wohnort genutzt werden. Das muss ein Baustein der Attraktivitätssteigerung für Innenstädte sein. Denn ohne Bürger in Innenstadtnähe fehlt den kleinen Läden die Kundschaft. Dann kann auch der Einkaufsbereich dort weiterleben. Das kann zum Beispiel auch über Seniorenwohnprojekte in den Innenstädten gelingen.

Ein solcher Umbau im Zentrum ist doch aber auch eine Kostenfrage?

Habermann-Nieße: Natürlich brauchen Kommunen dafür Investoren, klar. Aber je attraktiver eine Innenstadt ist, desto mehr wird auch investiert. Eine touristisch attraktive Fachwerkstadt kann da zum Beispiel nützlich sein. Das klappt zum Beispiel in Wolfenbüttel, wo Braunschweiger hingezogen sind, um sich in einem Fachwerkhaus einzurichten. Für solche Ideen müssen Planer die Grundlagen legen, aber es gibt auch Städtebaufördermittel vom Staat dafür – zum Beispiel das Förderprogramm „Aktive Stadt und Ortsteilszentren“.

Von welchen Grundlagen sprechen wir?

Habermann-Nieße: Um Fördermittel zu bekommen, muss ein integriertes Innenstadt-Entwicklungskonzept erarbeitet werden, anschließend kann nach Bewilligung ein City-Management eingerichtet werden. Ein Entwicklungskonzept sollte Aspekte wie Mobilität, Freiraum, Grünflächen und Wirtschaftsflächen ansprechen. Es sind Stärken und Schwächen auszuformulieren. Das ist im Grunde nicht so aufwendig. Aber ohnehin steht ein Umbau der Innenstädte an.

In Bad Münder wird die Öffnung der Fußgängerzone für den Verkehr diskutiert. Ist auch das eine Möglichkeit?

Habermann-Nieße: Dafür muss man das Marktumfeld betrachten. Eine verkehrsberuhigte Fußgängerzone, wo die Händler auf der Straße ihre Ware anbieten können, ist ein Pfund, mit dem gewuchert werden kann. Aber auch das Auto hat eine hohe Bedeutung. Der reine Durchgangsverkehr macht aber nur einen kleinen Teil des Umsatzes aus, rund zehn Prozent. Das ist also kein Allheilmittel und auch keine Antwort auf die Probleme in den Innenstädten. Der Handel wird dort so oder so nicht mehr die Dimensionen erreichen, die er einst hatte. Stattdessen sollte man eine realistische Perspektive anstreben und das Einzelhandelsangebot auf zentrale Lagen konzentrieren.

Es gibt aber noch eine Perspektive für den Einzelhandel in Städten wie Bad Münder?

Habermann-Nieße: Ja, aber die Händler müssen sich vielleicht auch an die eigene Nase fassen. Die Geschäftswelt in Fußgängerzonen definiert sich gerade neu. Früher haben sich Händler geradezu in ihren Geschäften verbarrikadiert. So bekommt man heute aber keine Kunden mehr. Geschäfte müssen offener, transparenter werden. Gleichzeitig muss man eine Marketingidee entwickeln und voranbringen. Das fängt schon bei synchronen Öffnungszeiten oder aktiver Teilnahme am Online-Handel an. Das fodert Engagement und das ist schwierig, wenn die Umsätze schon niedrig sind, das Kind also quasi schon in den Brunnen gefallen ist.

Anzeige
Kommentare