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In Bolivien liegt der größte Salzsee der Welt, der Salar de Uyuni – im Sommer wird er zur befahrbaren Salzwüste

Wo die Ebene endlos und Bewegung stillzustehen scheint

Das Salz knirscht unter meinen Füßen und unter den Reifen meines Mountainbikes. Gerade verschwindet die Sonne am Horizont und taucht alles rundherum in ein fremdartiges Licht. Das bereits den ganzen Tag andauernde Gefühl, allein in einer riesigen Eiswüste unterwegs zu sein, gewinnt an Deutlichkeit, je weiter sich der rote Feuerball hinter der Kante in unbekannter Entfernung versteckt. Und kalt wird es plötzlich. Bitterkalt!

Autor:

Adrian Kirchhoff

Dabei ist im November eigentlich Sommer – hier auf der Südhalbkugel. Ich schiebe mein Rad über den Salar de Uyuni im Südwesten Boliviens, über den größten Salzsee unseres Planeten. Auf rund 3650 Metern Höhe gelegen, darf es hier schon mal gehörig kalt werden in der Nacht.

Mit dem Ausreisestempel

durch die Wüste

Dagegen brennt schon heute Morgen, als wir uns um sechs Uhr mit Ashley am Plaza de Armas von Uyuni treffen, die Sonne auf der Haut. Uyuni, diese etwas über zehntausend Einwohner zählende Minimetropole, lebt zu einem Großteil vom Salzsee-Tourismus – auch wenn sie mit ihren schlechten Straßen und den winzigen, baufälligen Häuschen der Einheimischen nicht besonders touristisch aussieht.

Daniel – mein Reisepartner aus Dresden – und ich müssen heute Morgen zur „Migración“, um uns Ausreisestempel in unsere Pässe drücken zu lassen. Erst dann können wir die Überquerung des Salar de Uyuni und danach den einsamen Weg durch die Wüste und über die Grenze nach Chile angehen.

2 Bilder
Atemberaubend: der Blick von der mit Kakteen bewachsenen Insel Incahuasi über die schier endlose Salzwüste.

Ashley haben wir am Vorabend kennengelernt. Der Australier ist wie wir mit dem Rad in Südamerika unterwegs und hat heute das gleiche Ziel: über den Salar bis zur Insel Incahuasi zu radeln, die mit riesigen uralten Kakteen bestanden und umgeben von der schier endlosen Salzfläche ist.

Die staubige Piste Richtung Norden führt uns etwa 20 Kilometer bis Colchani, wo die Hauptroute über den See abzweigt. Unterwegs haben wir mit unseren voll bepackten Drahteseln gegen tiefen Sand zu kämpfen, der bremst und die Räder seitlich driften lässt.

Dann sind wir auf dem Salz. Statt Staub und Sand nun weiße Fahrbahn, die wie eine Eisfläche aussieht. Rutschgefahr? Irrtum, denn ein Bremstest beweist: Unsere Reifen haben Grip wie auf Schmirgelpapier. Hier und dort in Ufernähe sind Hügel von Salz angehäuft, das Arbeiter mit Schaufeln auf uralte Ford-Trucks verladen.

Wir kommen jetzt gut voran, denn die Jeepspuren, denen wir folgen, lassen sich super befahren, besser sogar als die wenigen bolivianischen Asphaltstraßen. Kurze Zeit später stehen wir vorm „Salzhotel“, einem Gebäude komplett aus Salzblöcken erbaut. Viele Jeeps parken davor und für die Touris sind auf einmal wir, die verrückten Biker, die Attraktion.

Nach dem Hotel nichts als endlose Weite. Kein Anhaltspunkt fürs Auge, außer einem einsamen Vulkan, von dem wir wissen, dass er über hundert Kilometer entfernt sein muss. Ja, so weit reicht hier die Sicht, doch die Einförmigkeit der Landschaft sorgt dafür, dass Entfernungen schwierig einzuschätzen sind. Unser Tagesziel Incahuasi können wir seit Stunden sehen, doch scheint es, als kommen wir nicht näher heran.

Dann frischt der Gegenwind auf und entwickelt sich rasch zu einem Sturm, wir kommen kaum mehr vorwärts. Der Wind zehrt an unseren Kräften und allmählich käme ein Anhaltspunkt fürs Auge gelegen, der beweist, dass wir uns tatsächlich fortbewegen. Nach einiger Zeit gebe ich es auf, gegen den Wind anzustrampeln. Ob sechs Stundenkilometer im Sattel oder fünf zu Fuß – das macht keinen großen Unterschied. Die anderen quälen sich weiter, ich schiebe gemütlich und bald mutterseelenallein mein Rad durch den Sonnenuntergang, der die Konturen auf der Salzkruste verwischen lässt. Meine Augen tränen vom kalten Wind, die Nase läuft und alles, was ich sehe, ist ein milchiges Weiß, durchschnitten von Jeepspuren. Das große Gefühl grenzenloser Freiheit steigt in mir auf – und findet seine symbolische Entsprechung im Salar, der mir unendlich scheinende Wege in alle Richtungen offeriert. Bald ist die Sonne ganz weg. „Hoffentlich laufe ich im Dunkeln nicht an der Insel vorbei!“, geht es mir durch den Kopf. Doch der überwältigende Sternenhimmel sorgt für ausreichend Licht, um die Fahrspuren erahnen zu lassen.

Bis zur chilenischen

Grenze radeln

Da erscheinen zwei Lichter in der Ferne, ein Auto kommt mir entgegen. Zu meiner Verwunderung hält es neben mir und Daniel steigt aus. Auf der Insel angekommen, hat er sich Sorgen gemacht und darum kurzerhand den Pick-up mitsamt Fahrer organisiert. Wie ich erfahre, sitzt Ashley ein Stück weiter frierend auf der Salzkruste, weil seine Knie schmerzen.

Auf der Insel Incahuasi bekommen wir in „Mongo’s Restaurant“ noch Spaghetti serviert, dann steigen wir todmüde in die Schlafsäcke, glücklich, die immerhin rund hundert Kilometer geschafft zu haben. Morgen wird sich Ashley verabschieden und mit dem Bus zurück nach Uyuni fahren. Daniel und ich radeln weiter gen Süden, bis wir in ein paar Tagen die Grenze zu Chile überqueren werden…




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