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In Deutschlands östlichste Stadt verschlug es einst sogar Napoleon Bonaparte / Nun erwacht sie aus dem Dornröschenschlaf

Görlitz – wo die Via Regia in die Vergangenheit führt

Görlitz. Zuerst ist Kichern zu hören. Dann biegt eine Schulklasse auf die Altstadtbrücke, die Görlitz und Zgorzelec verbindet. Zwei und zwei halten sie sich an den Händen, schauen hinauf zur Peterskirche. „Die Brücke gibt es erst wieder seit 2004. Fast 50 Jahre gab es hier nichts“, sagt ein Mann. „Denn Görlitz ist eine geteilte Stadt, aber Ost- und Westteil wachsen wieder zusammen.“ Seit dem Mittelalter hatte es an der Dreiradenmühle eine Holzbrücke gegeben. „Ja, hier ging die Via Regia durch, der Königsweg oder die Hohe Straße. 1252 wurde die strata regia erstmals genannt.“ Damals lebten 10 000 Menschen hier, mehr als in Leipzig.

Autor:

Franz-Norbert Piontek

Das Rattern der Wagen scheint in der Neißstraße noch zu hören zu sein. Handel, aber auch Pilgern, Waren und Gebete; die Menschen waren stets unterwegs. „Und das zwischen Frankfurt am Main und Krakau“, sagt der Mann. „Görlitz lag an einer Kreuzung: in Ost-West die Via Regia und in Nord-Süd von der Ostsee nach Böhmen.“ Wie wohlhabend Görlitz war, zeigt das Biblische Haus mit Szenen aus dem Alten und Neuen Testament. „Wurde nach der Wende restauriert“, sagt der Mann. Das Eckhaus Neißstraße 30 ist gerade herausgeputzt worden.

Die Grundschüler aus Zgorzelec drängen sich um den Führer. Auf Polnisch erklärt er ihnen den Untermarkt, heute wieder eine Pracht aus der Renaissancezeit. Ob er ihnen auch erzählt, dass hier das Remake „In 80 Tagen um die Welt“ gedreht wurde? Und der jüngste Goethe-Film? Weiter zum Obermarkt.

„Hier“, zeigt der Görlitzer, „hier im Haus Nummer 29, dort stand Napoleon Bonaparte auf dem Balkon.“ In der DDR waren viele Gebäude in einen Dornröschenschlaf gefallen. 4000 Häuser standen unter Denkmalschutz – Renaissance, Barock, Jugendstil und vor allem Gründerzeit, als in Görlitz fast 100 000 Menschen lebten. Heute sind es nur noch knapp halb so viel. „Über Napoleon erfahren Sie mehr im Kaisertrutz, weiter westlich“, sagt der Mann zum Abschied. Denn dort ist bis 31. Oktober die 3. Sächsische Landesausstellung zum Thema „Via Regia. 800 Jahre Bewegung und Begegnung“ zu sehen. Görlitz rückt damit wieder in den Mittelpunkt. Dazu gibt es weitere Schauen in den umliegenden Museen.

2 Bilder

Und in der vierten Etage des einstigen Rondells wird Napoleon in der Abteilung Menschen gewürdigt. 1806 war Sachsen zum Königreich aufgestiegen – dank des Kaisers der Franzosen. Sein Sattel und seine Reitstiefel stehen für das Wandern von einem Schlachtfeld zum anderen. Zwar siegte Napoleon 1813 bei Bautzen und Dresden, doch in der Völkerschlacht bei Leipzig begann das Ende.

„Wir haben diese Landesaustellung in fünf Ebenen aufgegliedert“, sagt der Kurator Roland Enke. Enke steht im Keller vor einer Gesteinsfläche. „Sie wurde dem Leipziger Markt entnommen“, sagt er. Gefüllt mit Kleinigkeiten wie Abfällen, Spielwürfeln und Hufeisennägel. Der Besucher kann außerdem wunderschöne Trinkgläser bewundern, aber auch Zunftzeichen wie einen Schrein der Görlitzer Metzgerinnung, bei dem zwei einen Stier zu schlachten versuchen. Und immer ging es um das Geld: Münzen in vielerlei Währungen. Doch sind es die Menschen, die eigentlich die besten Geschichten erzählen könnten. Voran August der Starke (1670-1733). Krone, Zepter und was dazugehört, funkeln in einer Vitrine. Erwähnt wird Jakob Böhme (1574-1624). Der Philosoph und Mystiker schrieb als erster seine Gedanken in Deutsch nieder, und zwar in Görlitz.

Es galt aber auch, seiner Seele was Gutes zu tun. Sich im Glauben reinzuwaschen – mit Pilgern. Fernziele waren Aachen, Santiago de Compostela, Rom und Jerusalem. So machte sich Georg Emmerich (1422-1507) aus Görlitz auf den Weg nach Jerusalem. Dort 1465 zum Ritter des Heiligen Grabes geschlagen, wirkte er nach seiner Rückkehr in seiner Heimatstadt.

Als 1847 der erste Zug über die Neißebrücke in Richtung Breslau fuhr, hatte die Via Regia endgültig ihre Bedeutung verloren. Görlitz selbst hofft, in den nächsten Monaten als östlichste Stadt Deutschlands mit dieser Landesausstellung aus der Vergessenheit herauszutreten.

Weitere Informationen: 3. Sächsische Landesausstellung, 0351/49 14 20 00

landesausstellung- viaregia.museum

Erst seit einigen Jahren verbindet die Altstadtbrücke Görlitz und Zgorzelec (großes Foto). Der Schrein der Görlitzer Metzgerinnung (kleines Foto oben) zeigt, wie zwei Metzger einen Stier schlachten. Auf der Via Regia waren über Jahrhunderte auch viele Pilger unterwegs (kleines Foto unten). Fotos: Piontek




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