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Stadt, Land, Fluss, Meer: Eine Sommerreise durch Frankreich (2)

Crêpes-Königin mit Omas Geheimrezepten

VON JENS MEYER

Le Pouldu / Bieuzy. Ich habe in Grau geträumt. Die Wettervorhersage auf France 3 war gestern Abend so wenig erheiternd, wie es das gesamte Fernsehprogramm in Frankreich ist. Aber der Himmel über dem Meer hat sich nicht an die TV-Unke im Minikleidchen gehalten und stellt sein verheißungsvolles Blau zur Schau, jenes Blau, das Maler wie Gauguin und Manet zu Kunstwerken inspirierte, deren sinnliche Tiefe ungeheuer ist. Die zerklüftete Küste, das wilde Meer, die kleinen Dörfer mit ihren Häfchen unterm perfekt umwölkten Zelt, diesem Charme ergaben sich die Künstler mit jedem ihrer Pinselstriche. So entstanden Bilder für die Ewigkeit.

Pont-Aven ist bekannt, dort waren viele. Le Pouldu ist weniger bekannt, dort waren einige. Ich bin da jetzt auch. Male kein Bild, sondern genieße die Fischsuppe im Restaurant des Hotels. Draußen kreuzt das Fährschiffchen „Sirène 3“ zwischen hier und Guidel-Plage. Schaut man zu lange zu, versinkt man hypnotisch in sich. Doch allein der Küste zu verfallen reicht nicht. Die Bretagne, so sehr sie von ihrem zerklüfteten Meeressaum geprägt wird, verliert abseits des Ozeans nicht an Ausdruck, sondern gewinnt an Lieblichkeit und Mysterium. Die Flüsse sind ihre Lebensadern. Scorff. Étel. Laîta als Grenze zwischen Finistère und Morbihan. Und auch der Blavet, der weiter südlich in den Rade de Lorient mündet – sie werden noch weit im Landesinnern von den Gezeiten berührt.

Die Fischsuppe war köstlich. Ich mache mich auf zum Blavet. An diesen magischen Ufern, wo das Unerklärliche mit der Wirklichkeit verschwimmt, lässt die grüne Bretagne mit ihren geheimnisvollen Wäldern eine pulsierende, unbändige Kraft erahnen. „Bigger than both of us.“ Größer als wir beide. Daryl Hall und John Oates besingen’s aus dem Autoradio, ohne dass sie eine Ahnung davon hätten, wie sehr ihr Lied gerade jetzt passt.

3 Bilder

Direkt am Blavet steht die Chapelle Saint-Gildas bei Bieuzy. Das in eine Felswand gebaute Gotteshaus liegt in einem Tal, und wäre es nicht ausgeschildert, so würden es nur wenige Reisende finden. Darinnen eine bunte, sich drehende Installation aus Glas und Stein. Im nächsten Jahr wird es ein anderes Werk sein. Kunst in der Kirche – hier ist das üblich. Man fährt von Gotteshaus zu Gotteshaus und stellt fest, dass nicht das Pompöse entscheidend ist, sondern die Kirchlein großartiger werden, je kleiner sie gebaut wurden. Niemand entdeckt sie auf den ersten Blick. Wer sie gefunden hat, weiß nichts über sie; er muss erst die Luft atmen, die ihre alten Mauern umweht, er soll dem Klang ihrer Akustik lauschen und innehalten, er hat vom gesegneten, himmlischen Licht zu kosten, deren Einlass von farbigen Fenstern gewährt wird. Und dann muss er die Augen schließen, für länger als nur einen Moment, um noch mehr zu sehen und zu spüren von Vergangenheit und Gegenwart an diesem heiligen Ort. Davon kriegt er nie genug.

Und er kriegt Hunger…

„Ich bin die dritte Generation. Schon meine Großmutter führte diese Crêperie, dann meine Mutter“, sagt Isabelle Le Touzic. Sieben heiße Platten stehen in der Küche des „Au Coin Tranquille“, was so viel wie „In der ruhigen Ecke“ heißt. Ruhig ist die Landschaft rundherum, aber das geschäftige Treiben in diesem Gasthaus bei Quistinic erinnert mehr an einen Bienenstock in groß. Nach dem Crêpe Blé Noir mit Schinken, Ei und Käse wird man süchtig, nach dem Caramel au beurre salé maison schließlich wahnsinnig vor Wonne. Omas Geheimrezepte lassen wohl grüßen. Die Crêpes-Königin lächelt. Caramel und gesalzene Butter sind jedenfalls zwei Eckpfeiler der bretonischen Küche. Butter aus der Milch glücklicher Kühe, Salz aus Guérande. Mein lieber Freund Ricki, der zu Hause die Blumen versorgt, weiß das und backt gerade einen Kouign-Amann, eine Art Blätterteig oder mehrschichtiger Crêpe, den er zur Begrüßung nach der Rückreise auf den Küchentisch stellen wird. Er wird wie immer behaupten, der Kuchen würde nicht schmecken, was nicht stimmt: Er schmeckt großartig. Ich schreibe ihm eine Postkarte.

Postkarten. Wie antiquarisch. Andere schicken Mails und SMS oder melden sich über What’s App aus den Urlaub. Jeden Tag, ausgesprochen aufdringlich. Ich schreibe Postkarten. Ein paar, nicht viele, an Freunde und Familie. Jetzt und hier, in der Crêperie im zauberhaften Tal des Blavet. Besser kann man die Atmosphäre ja gar nicht versenden. Madame Le Touzic strahlt. „Noch ein Crêpe?“ „Non, merci“, ich hatte nicht vor zu platzen und wolle mich alsbald auf den Weg zur nächsten Chapelle machen. „Die ist hinter dem Haus“, sagt sie. Ich staune. Dort steht ein Kirchlein, von zwei Eseln auf der Nachbarwiese be-ie-aaht. Die Chapelle de Saint-Tugdual ist beinahe ein Gotteshäuschen, so klein ist sie, ohne Turm, aber der Turm ist ja nicht wichtig, es ist das Kreuz Jesu, dessen Blut in einem Kelch in die Tiefen des Fôret de Brocéliande getragen worden sein soll, und der ist nicht weit. Ein Mysterium, bis heute. Wie Artus und seine Tafelrundenritter mache ich mich auf, Neues zu erleben. Mit dem Unterschied, zu finden, ohne suchen zu müssen.

Man kann sich treiben lassen zu den schönsten Zielen, per Auto, per Fahrrad, per pedes, man treibt so dahin wie ein Papierschiffchen auf dem Fluss. Die Entdeckungen abseits der Küsten sind genauso betörend wie die Gischten an der Côte de Granit Rose oben bei Tréguer, sie sind ebenso erhellend wie die Leuchttürme und nicht minder erfüllend wie das Glück, am Strand von Kerguélen den Sand zu spüren, sich am Spülsaum zu erden. Hier ein Weg, dort ein Sträßchen. So fand ich dereinst schon die Burgruine von Château de la Hunaudaye, so wurde ich bei meiner Fahrt durch den Fôret de Pontcallec auf die reich mit Fresken verzierte Kirche in Kernascléden aufmerksam, und so stellte sich mir auch die an die Ufer der Laîta wie hingegossen inszenierte Abbaye de Saint-Maurice in den Weg. Jetzt gerade ist es ein schmales Brücklein, das zu einem alten Stauwerk führt. Und dann: Pluméliau. In diesem Dorf haben sie das, woran es zu Hause an der Weser fehlt: eine hübsche Promenade und Blumen und Bänke. Ob ich noch ’ne Postkarte an die fantasielosen Stadtoberen in Hameln schicke?

Nächste Woche Teil 3 der französischen Sommereise

Hauchdünner Teig, herzliches Lächeln: Isabelle Le Touzic betreibt die Crêperie „Au Coin Tranquille“ in dritter Generation. Das an den Fels gebaute Kirchlein Saint-Gildas bei Bieuzy ist nicht weit entfernt.




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